Vorgeblättert

Anna Politkowskaja: In Putins Russland. Teil 2

23.02.2005.
Obendrein stammte Tanja aus dem südrussischen Rostow am Don, nach Moskau (das Auswärtige nicht gerade freundlich empfing und sie nur als "begrenzt zuzugsberechtigte" Arbeitskräfte für bestimmte wenig attraktive Bereiche aufnahm) kam sie erst Mitte der siebziger Jahre, als sie Andrej heiratete. Sie hatte ihn an einem Schwarzmeerstrand kennen gelernt. Solche mit Moskauern verheirateten Ingenieurinnen aus der Provinz gab es damals sehr viele. Die armen, heruntergekommenen Regionen besaßen keinerlei Wert, und Mädchen aus "guten Familien" versuchten, den Sprung in die Hauptstadt zu schaffen.

Wo Tanja dann kreuzunglücklich wurde, weil sie nicht wusste, was sie wollte. Nur was sie nicht wollte, das wusste sie genau: nicht als Ingenieurin arbeiten, nicht arm sein an der Seite eines ebenso armen Andrej. Wir sprachen oft darüber: Es machte Tanja rasend, dass es keinen Ausweg gab. Sie musste bei Andrej bleiben und weiter als miserabel bezahlte Ingenieurin die Arbeitszeit im Forschungsinstitut absitzen.

Als die neue Ära anbrach, waren es gerade die Frauen, die zu ihrer Triebkraft wurden, die sich selbständig machten, sich von ihren Partnern trennten. Viele Männer drifteten ab in die Unterwelt, etliche kamen um in den Bandenkämpfen der frühen Jelzin-Jahre. Vor der Perestroika hatten viele Frauen gedacht wie Tanja, nicht mehr darauf gehofft, ihrem Leben jemals eine andere Richtung geben zu können, und plötzlich diese Riesenchance ?

Doch kehren wir zurück in die Mitte der achtziger Jahre. Bei Tanja zu Hause gab es oft Krach. Wie in sowjetischen Zeiten üblich, hatte Andrej keine eigene Bleibe, und als er und Tanja heirateten, zog sie mit in die große Altbauwohnung seiner Eltern, wo außerdem auch noch seine beiden älteren Brüder mit ihren Frauen und je zwei Kindern lebten. Ein richtiger Bienenstock, eine typisch sowjetische Gemeinschaftsbehausung eben. Und keinerlei Aussicht, jemals allein wohnen und unabhängig sein zu können. Zudem handelte es sich bei Andrej nicht um einen Herrn Jedermann, er stammte aus einer alten Moskauer Adelsfamilie, in der es alle zu etwas gebracht hatten. Andrejs Eltern waren Professoren für Physik und Mathematik. Die Großmutter - Professorin für Violine am Staatlichen Konservatorium der Hauptstadt, ihr zweiter Mann ebenfalls ein berühmter Violin-Pädagoge. Andrejs älterer Bruder machte als Professor für Chemie an der Moskauer Universität eine Entdeckung nach der anderen, was sich in materieller Hinsicht allerdings kaum auszahlte.

Tanja nervte dieser familiäre Hintergrund immer mehr. Sie hielt Andrejs Sippe für lebensuntüchtig, für Versager, trotz aller wissenschaftlichen Meriten, und die Familie zahlte es ihr mit gleicher Münze heim, mochte sie nicht und fand ewig etwas an ihr auszusetzen.

Wie gesagt, Tanja war ein Mädchen aus dem russischen Süden, wo selbst zu Sowjetzeiten jeder, der nur irgendwie konnte, mit irgendetwas handelte. Dort gab es nicht genehmigte Kleinbetriebe, die illegal Waren herstellten, viele reiche Männer vertrieben sich mit derartigen Geschäften die Zeit zwischen Freiheit und Gefängnis, und das war nicht ehrenrührig; auch wenn sie in den Zeitungen nur als "Spekulanten" und "illegale Geschäftemacher" bezeichnet wurden, galten diese Männer unter den Schönen von Rostow doch als lukrative Partie.

Mitte der achtziger Jahre, als wir uns kennen lernten, glaubte Tanja bereits fest, dass ihre Ehe mit Andrej ein Reinfall war, obwohl sie ihn aus Liebe geheiratet hatte. Oder einfach, weil Moskau lockte, weil es als Glückstreffer galt, einen Hauptstädter abzubekommen, und sie anders nicht aus ihrer Provinz fortkam. Und nun saß sie in diesem lockenden Moskau, war bettelarm und litt fürchterlich. Tanja blühte nur auf, wenn sie irgendwo hübsche Sachen aufgetrieben hatte, die sie mir vorführen und zum Kauf anbieten konnte. Sie besaß zweifelsohne ein ganz besonderes Verkaufstalent, man nahm Tanja einen unsäglichen Pullover zu einem Wucherpreis ab, nur weil sie so glaubhaft versicherte: "Das trägt man jetzt in Europa", und wenn der Schwindel aufflog, schämte sie sich kein bisschen, wurde nicht einmal rot. Andrejs traditionsbewusste Intelligenzlerfamilie betrachtete Tanjas Hang zum Kaufen und Verkaufen als etwas, das den eigenen Lebensvorstellungen völlig fremd war, und verachtete sie dafür.

Nun also, im Frühwinter des Jahres 2002, lud mich Tanja zu sich nach Hause ein, in ebenjene große Altbauwohnung im Zentrum von Moskau, in der Nähe des Kreml.

Die Wohnung war ungewöhnlich leer, überhaupt ganz anders als früher. Komplett renoviert und umgebaut, überall modernste Haustechnik, an den Wänden gekonnte Reproduktionen berühmter Gemälde, die Möbel - geschmackvoll auf antik getrimmt. Tanja ist jetzt fast fünfzig, ihre Haut wirkt jugendlich frisch, sie trägt leuchtende Farben, spricht laut, selbstbewusst und frei heraus. Wenn sie lacht, was sie oft tut, sieht man keine Fältchen, sie hat sich also liften lassen, schlussfolgere ich. Also geht es ihr gut, schließe ich weiter, sie muss reich sein, denn arme Leute haben bei uns kein Geld für sündhaft teure Schönheitsoperationen, deshalb sieht man einer armen Frau auch gleich ihr Alter an.

"Ob es Andrej zu Wohlstand gebracht hat?", überlege ich. Tanja bewegt sich ungezwungen in der Wohnung, früher, vor zehn Jahren, flüsterte sie meist und hockte am liebsten in einem Zimmer, bloß um der angeheirateten Verwandtschaft nicht zu begegnen.

"Wo sind denn deine Leute?"

"Erzähl ich dir gleich, aber fall nicht um - das hier gehört jetzt alles mir."

"Dir? Gratuliere? Und wo sind sie hin?"

"Wirst du gleich erfahren. Immer der Reihe nach."

Das Zimmer betritt leise ein schöner junger Mann. So alt müssten Tanjas Söhne jetzt sein, überschlage ich. Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, waren sie kleine Jungs. Deshalb kann ich nicht an mich halten:

"Mich trifft der Schlag ? bist das wirklich du, Igor?"

Igor ist der ältere der beiden Söhne von Tanja und Andrej, er müsste jetzt vierundzwanzig oder fünfundzwanzig sein.

Tanja lacht schallend, wie über einen guten Witz. Melodiös, kokett, klangvoll. Ein junges Lachen. Gar nicht so wie früher.

"Ich heiße David", haucht der dunkel gelockte, sanftäugige Schöne und küsst Tanjas gepflegte Hand. Die habe ich anders in Erinnerung, rot und aufgequollen vom stundenlangen Wäscherubbeln für die ganze Familie, an eine Waschmaschine war nicht zu denken. Ich weiß noch, wie sich Tanja mit diesen Händen die Tränen aus dem Gesicht wischte in meiner Küche. "Also, ihr Hübschen, ich will euch nicht stören", David entschwindet gemächlich in den Weiten der Wohnung.

Wie "Hübsche" sehen wir ja nun wirklich nicht aus.

"Nun erzähl doch endlich! Lass deine alte Freundin wissen, wie du das alles hingekriegt hast, diese Jugend, diesen Reichtum. Und wo deine Leute sind."

"Das sind nicht mehr meine Leute."

"Und Andrej?"

"Wir haben uns getrennt, die Qual ist vorbei."

"Hast du wieder geheiratet? Diesen David etwa?"

"David ist mein Liebhaber, nicht auf Dauer, bloß so, fürs Wohlbefinden. Ich halte ihn aus. Solange es mir gefällt."

"Großer Gott ? Für wen arbeitest du denn jetzt?"

"Für niemanden. Ich arbeite allein für mich", versetzt Tanja hart, und der metallische Ton in ihrer Stimme passt so gar nicht zu dem gepflegten Luxusgeschöpf mit dem jungen Liebhaber, das mir gegenübersitzt. Tanja ist ein glückliches Produkt der neuen Zeit. Im Sommer 1992, als die "marktwirtschaftlichen Reformen" oder besser gesagt: die Schocktherapie des damaligen Premierministers Jegor Gaidar dazu führte, dass die meisten Moskauer Haushalte nichts mehr zu essen hatten, hielt sich Tanja mit den Kindern und der übrigen Verwandtschaft außerhalb der Stadt auf, im alten "Erbsommerhaus" der Professorensippe.

Jeder Moskauer, der auch nur so etwas wie eine Datscha sein Eigen nannte, hockte in diesem Hungersommer auf dem Lande und baute Gemüse an, um über den Winter zu kommen. Das Forschungsinstitut, in dem Tanja arbeitete, war für den ganzen Sommer geschlossen worden, die Mitarbeiter hatten ohnehin schon seit Monaten keinen Lohn mehr bekommen, und Arbeit gab es auch nicht, also fuhren sie, die Städter, zu ihren Kleingärten und verkauften die Erträge auf den Märkten, die im hungernden Moskau wie Pilze aus dem Boden schossen. Tanja baute Gemüse an und kümmerte sich um die Kinder. Andrej blieb oft in der Stadt, weil seine Technische Hochschule im Gegensatz zu den meisten Forschungsinstituten nicht geschlossen worden war, der Lehrbetrieb lief, es mussten Prüfungen abgenommen werden; also gingen die Mitarbeiter weiter zur Arbeit, aus purem Enthusiasmus und aus Pflichtgefühl, denn Gehalt bekamen auch sie schon lange nicht mehr.

Eines Morgens, als Tanja etwas zu besorgen hatte und unangekündigt zurück nach Moskau fuhr, ertappte sie Andrej mit einer Studentin - in ihrem Ehebett. Wo er doch eigentlich in der Universität sein sollte. Tanja hatte ein lautes, südliches Temperament, und an dem Tag schrie sie, dass es das ganze Haus hörte. So sähen also seine "Seminare" aus, und noch manches andere mehr.

Andrej stritt erst gar nichts ab, sagte, er liebe diese Studentin. Die verlor kein Wort, zog sich an, ging in die Küche, wo sie Tee kochte, sehr routiniert, offenbar nicht das erste Mal.

Dieses Schweigen und die gute Ortskenntnis der Konkurrentin gaben Tanja den Rest. Sie begriff, dass sie nicht ihr ganzes Eheleben lang die Professorensippe ertragen hatte, um sich jetzt von einer anderen aus der Wohnung vergraulen zu lassen. Da sollte sich Andrej erst gar keine Hoffnungen machen. Das sagte ihm Tanja klipp und klar. Andrej packte ein paar Sachen und verschwand, mitsamt seiner Studentin. Der Tee blieb unausgetrunken stehen.

Im Grunde begann an diesem Tag Tanjas neues Leben: das absolut selbständig und in nichts mit dem früheren vergleichbar war. Andrej zeigte sich von der übelsten Seite, zahlte weder für die Kinder noch für sie auch nur eine Kopeke Unterhalt. Zu keinem Zeitpunkt. Im Gegenteil, später war er auch noch so schäbig, sich von ihr aushalten zu lassen. Ein paar Jahre nach der Trennung - Tanja hatte es schon zu ein bisschen Geld gebracht - gab sie ihm hin und wieder etwas zu essen, kleidete ihn sogar ein. Nicht aus Herzensgüte oder Mitleid mit dem nunmehrigen Professor der Technischen Hochschule, der noch immer bettelarm war, seiner beruflichen Orientierung aber treu blieb und bewusst darauf verzichtete, sich ein einträglicheres Auskommen auf dem freien Markt zu suchen, wie es viele seiner Kollegen taten.

Tanja fütterte Andrej durch, weil darin ihre Revanche lag. Immer wieder sprach sie laut vor sich hin: "Du hast gedacht, du könntest mich demütigen? Jetzt bin ich es, die dich demütigt!" Und servierte ihm roten Kaviar - zu Sowjetzeiten der Inbegriff für Luxus. Den konnte sie sich jetzt leisten. Und Andrej stopfte sich den Mund voll mit diesem Kaviar, wurde nicht einmal rot vor Scham und Erniedrigung, der Hunger setzte ihm so sehr zu, dass er manchmal in den Suppenküchen der Kirchen nach einem Mittagessen anstand, wobei er so tat, als sei er gläubig, und sogar lernte, sich zu bekreuzigen.

Natürlich war er da schon lange nicht mehr mit seiner wortkargen Studentin zusammen, hauste wer weiß wo und wer weiß wie, sah abgerissen aus, völlig heruntergekommen, man konnte ihn für einen Penner halten.


Doch kehren wir zurück in das Jahr 1992, in den Sommer des Aufbruchs zur Marktwirtschaft. Nach einer Woche, als Tanja überhaupt nicht mehr wusste, was sie den Kindern zu essen geben sollte, und ihre Schwiegermutter verlangte, sie solle Andrej verzeihen, ihn zurückholen, da kroch sie vor niemandem zu Kreuze, sondern ging auf den nahe gelegenen Markt arbeiten.

Die Schwiegermutter greinte: "Was für eine Schande! Was für eine Schande!", legte sich hin und wurde krank. Aber später fand sie sich damit ab - als ihr Tanja für das "schändliche" Geld vom Markt Medikamente kaufte. Die konnten sich weder ihr Mann, der Mathematik-Professor, noch ihre Professoren-Söhne nebst Ehefrauen leisten, weil sie allesamt keine Kopeke besaßen. Aber der Dünkel war ihnen noch nicht abhanden gekommen: Der Familienrat tagte nämlich und beschloss (mit nachdrücklicher Zustimmung der bettlägerigen Schwiegermutter, die lieber sterben als "diese Schande" ertragen wollte), dass die Erbstücke - wertvolle Möbel, seit Generationen in Familienbesitz, seltene Noten, Bilder russischer Meister des 19. Jahrhunderts - unter gar keinen Umständen verkauft werden dürften. Obwohl viele ähnliche Sippen Anfang der neunziger Jahre ihre glücklich über die Stalin-Zeit hinweggeretteten Erbstücke verscherbelten, "für ein Mittagbrot", wie es damals hieß.

Teil 3