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Geformt von Unsichtbarem

Über Bilder, Bände und Sites Von Peter Truschner
20.01.2017. Es ist das Wesen von Armand Quetschs Bildern, dass man in ihnen gewissermaßen zu Hause und dass es einem dabei dennoch unheimlich ist. Das Vertraute schaut dem Fremden zum Verwechseln ähnlich.
Ob in der Liebe, in der Politik oder in der Fotografie: Alles beginnt und endet mit Wittgenstein, indem man sich immer wieder fragt, was der Fall ist und was nicht. Man kommt zu Urteilen, indem man Unterschiede macht, etwa zwischen Ich und Nicht-Ich. Man verortet sich zwangsläufig in der Welt und prägt einen Standpunkt aus, was unmittelbare Konsequenzen für den Raum hat, der einen umgibt und in dem man sich bewegt. Es gibt die Welt und es gibt die Welt im Kopf. Es gibt eine Landschaft des Innen und eine Landschaft des Außen, eine Seelenlandschaft und eine Stadtlandschaft.

Das Herausarbeiten des Übergangs und existenziellen Zusammenhangs von innerer und äußerer Landschaft, von Terrain und Territorium, ist dem Werk von Armand Quetsch von Beginn an eigen. Nach dem Studium an der Brüsseler Kunsthochschule "75" widmet sich der 1980 in Luxemburg geborene Quetsch in seinem "Projet: BXL" sowohl den soziokulturellen Implikationen von Landschaft als auch der Konstruktion von Sinn und Bedeutung durch die Fotografie. In seinem Photobuch "Ephemera" (Peperoni Books 2012) setzt Quetsch fotografische Spuren aus dem Umfeld seiner Familie nebeneinander, die auch einem anonymen Archiv entnommen sein könnten und in ihrer dunklen, mythischen Aura von der Gegenwart mitten hinein ins Traumgebiet führen und in die von einer kargen Feuerstelle ausgeleuchtete Höhle der menschlichen Urgeschichte. Quetsch gibt keinen Hinweis auf den Hintergrund der Fotos und belegt eindrucksvoll Jeff Walls Aussage: "The absence of signs in a place is as conducive to photography as is the presence."


Foto: Armand Quetsch.

Heidegger hat das "Unheimliche" als "Nicht-zuhause-Sein" definiert - eine Definition, die auch für Quetschs neues Fotobuch "Dystopian Circles - Fragments...all along" (Peperoni Books 2016) von Bedeutung ist. Auf jahrelangen Reisen durch Europa hat er fotografische Splitter aufgesammelt, zumeist an Orten, die im kollektiven Gedächtnis für einen Konflikt oder einen Ausbruch von Gewalt stehen. Es ist das Wesen von Quetschs Bildern, dass man in ihnen gewissermaßen zu Hause ist - sowohl in Europa als auch in den von Quetsch verwendeten, unterschiedlichen Ausdrucksformen der Fotografie -, und dass es einem dabei dennoch unheimlich ist. Das Vertraute schaut dem Fremden zum Verwechseln ähnlich, und in Wahrheit ist es das auch, wenn man davon absieht, was man aus den Medien darüber weiß oder was davon auf Urlaubsfotos als pittoreskes Strandgut liegen geblieben ist.

Europa ist in Quetschs Buch ein verdorrter Baum; eine Satelitenschüssel; ein dunkle Ecke, in die man sich verkriechen kann; ein verschneites Bergmassiv, an dem schon so manche Hoffnung zugrunde ging; eine Drehtür, bei der man in einem ehemaligen KZ in Nordhausen hineingeht und im Heysel-Stadion in Brüssel wieder herauskommt.



Die Fotos sind sowohl formal als auch inhaltlich eine Absage an jedes Halbwissen sowie an jedes Expertentum und ihre unvermeidlichen Verkürzungen. Es gibt keine Gebrauchsanweisung, mit deren Hilfe man sich der ausbreitenden Fremdheit und Widersprüchlichkeit der vertrauten Welt erwehren könnte. Quetschs Fotos brennen kein "Loch in die Ordnung der Dinge" (Hegel), sie überziehen sie mit einem dunklen Film, unter dem die Ordnung weiter existiert, aber ihrer Offensichtlichkeit beraubt und daher verstörend ist. Sie begreifen einen Ort nicht nur als etwas Sichtbares, sondern dieses Sichtbare als durchdrungen und geformt von Unsichtbarem  - gleich, ob dieses Unsichtbare nun in Form messbarer Strahlungen, als verschüttete Vergangenheit oder aber als Projektion der eigenen Wünsche und Ängste manifest wird.


Foto: Armand Quetsch.

Das Bild ist entweder nur das Bild und sonst nichts. Oder aber es ist alles auf einmal. Da man sich bei Quetsch nicht für eins von beiden entscheiden muss, ist es auch überflüssig, den Fotos eine Narration zur Seite zu stellen. Indem er weder eine Zahl noch einen Namen nennt, nimmt er dem Betrachter die Selbstverständlichkeit, mit der er "Lampedusa" oder "Srebrenica" in den Mund nehmen und darauf vertrauen kann, dass jeder in etwa weiß, was damit gemeint ist.

Indem diese und andere Voraussetzungen in Frage gestellt werden, leistet Quetschs Werk auch einen Widerstand gegen das allgegenwärtige Bedürfnis nach Referenz, die nicht zuletzt in der Kunst zu einem Fetisch geworden ist und inzwischen mehr über den Wert einer Arbeit aussagt als diese Arbeit selbst. Wer? Was? Wann? Wo? Wieviel? Quetsch lädt dazu ein, bei diesem Tagesgeschäft innezuhalten, sich stattdessen vom zeitlosen Strom seiner Bilder erfassen zu lassen und dabei den tieferen Sinn eines russischen Sprichworts zu begreifen: "Wer nicht weiß, wo er sich befindet, kann sich nicht verirren."

Peter Truschner

Armand Quetsch: Dystopian Circles. Ausstellung vom 20. Januar bis 22. Februar 2017. 25 Books, Brunnenstraße 152, 10115 Berlin.

Armand Quetsch: Dystopian Circles - Fragments... all along. Peperoni Books, Berlin 2016. 120 Seiten, 24 x 30 cm, 78  Abbildungen, gebunden, 48 EUR. Auflage von 500 Exemplaren. ISBN 9783941249035(Bestellen bei Buecher.de).

Armand Quetsch, Ephemera. Peperoni Books, Berlin 2012. 120 Seiten, 19 x 27 cm,  75 Abbildungen, Gebunden, 48 EUR. ISBN: 9783941825420.