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Der verbrauchte Raum

Über Bilder, Bände und Sites Von Peter Truschner
17.05.2017. Beate Gütschow fotografiert Landschaften, Städte und Innenräume und schafft es, ihnen durch künstlerische Verfahren - etwa das digitale Sampling analoger Aufnahmen - eine neue Fremdheit zu geben. Ihre Werkkomplexe "LS, S, I, Z" werden in einem neuen Band dokumentiert.
Es gibt Werke, die etwas von einem Stein haben: abgeschlossen, kompakt, total. Als Bestandteile einer übergreifenden Serie besteht ihr innerer Zusammenhang zumeist darin, dass sie Ausdruck einer Schaffensperiode sind und Zeugnis darüber ablegen, was KünstlerInnen zum Zeitpunkt x formal und inhaltlich wichtig war, und was nicht. Ihr Bestand lässt sich meist mit einer einfachen Addition bestimmen.

Dann gibt es wiederum Werke, die wie Bäume sind: einzelne Artefakte stehen zum Zeitpunkt x durchaus für sich selbst, sind jedoch wie einzelne Baumringe Teil eines größeren, in der Zeit wachsenden Zusammenhangs, dessen Ende nicht abzusehen ist. Indem sie gleichermaßen auf Kommendes und Vergangenes verweisen, organisch mit ihm verbunden sind, lässt sich ihr Bestand nicht durch einfache Addition, sondern nur mit einer immer wieder durch neue Ableitungen erweiterten Differentialgleichung bestimmen.

Die im Buch LS, S, I, Z zu einem Werkkomplex zusammen gefassten Arbeiten Beate Gütschows umspannen einen Zeitraum von 17 Jahren. Die ersten Fotografien der Serie LS (Landschaft) stammen aus dem Jahr 1999, die letzten aus der Serie Z (Zellengefängnis Lehrter Straße) aus dem Jahr 2016.

Beate Gütschow - Z/I/S/LS from Kehrer Verlag Heidelberg on Vimeo.


In LS kommuniziert Gütschow mit den Dispositiven der Landschaftsmalerei des 17. und 18. Jahrhunderts. Wie bei Ruisdael oder Lorrain weisen die auf den ersten Blick wuchernden Idyllen eine manipulative Raumtiefe auf, die die Betrachter dazu auffordert, in sie einzutreten und sich in ihnen niederzulassen. Die Landschaftsmalerei jener Zeit versinnbildlichte dabei sowohl die idealistische Beschwörung eines 'Naturmenschen' (Rousseau) als auch die Besiedelungseuphorie in Bezug auf die 'Neue Welt'. Gütschow spielt mit diesem utopischen Gehalt, indem sie die ihm innewohnende Suggestion dadurch kenntlich macht, dass ihre Fotografien keine 'Dokumentationen' darstellen, sondern 'Konstruktionen': eine unterschiedliche Anzahl analoger Aufnahmen wird digital gesampelt und zu irrealen, fiktiven Räumen zusammengesetzt.

Hier zeigt sich auch der Unterschied zu Jeff Wall, dessen Räume - wie in The Storyteller (1986) oder A Hunting Scene (1994) - immer sozial oder historisch besetzt sind. Sich mit ihnen zu konfrontieren heißt, sich dieser Setzungen bewusst zu werden, sie zu decodieren. Gütschow legt die Konstruiertheit des 'Raums an und für sich' bloß - ob als erste Idee im Kopf oder als Bebauungsplan auf dem Papier. Konstruktion ist demzufolge dem Raum immanent, der jeweilige Baustil oder seine jeweiligen Bewohner lediglich kontingent.

Beate Gütschow: Landschaft. Abbildung aus dem besprochenen Band. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.


In ihrer Serie S (Stadt) vertieft Gütschow diesen Ansatz und verortet ihre Verhandlung über den Raum - in dem sie sie auf die  Ebene der stadtplanerischen Bauwut der sechziger und siebziger Jahre zieht - in der alltäglichen und weltumspannenden Frage nach dem menschlichen Wohnbedarf. Die Gebäude der großformatigen Bilder haben in ihrer Monumentalität die Aura kommunistischer Großbauten, in deren Schatten der einzelne Mensch klein und unbedeutend wird; gleichzeitig erinnern sie in ihrer zementenen Porosität und menschenleeren Weite an die Tristesse der römischen Vorstadt Pasolinis.

S ist eine der schönsten Serien dieser Art, die es überhaupt gibt (kein Wunder, dass sie für den Prix Pictet 2017 nominiert wurde). In ihrer Komplexität sind sowohl LS und S weit entfernt von der gängigen Weitwinkel-Ödnis, bei der vierzig Jahre nach Bernd und Hilla Becher irgendwelche verlassenen oder verfallenen Areale und Gebäude  in einer Endlosschleife abfotografiert werden, als verberge sich dahinter eine tiefere menschliche Wahrheit als die immergleiche von Aufbau, Verfall und dem menschlichen Belangen gegenüber gleichgültigen Wirken der Zeit.

In der Serie I (Innenraum) ändert Gütschow nicht nur ihre Vorgehensweise (sie verwendet Leuchtkästen, und die Bilder sind nicht zusammengesetzt), sondern wechselt vom Außen- in den Innenraum, wo sie vor allem auf übersehene, nutzlos gewordene, kaputte und aus ihrem Verwendungszusammenhang gerissene Objekte wie eine Autobatterie oder einen Bürostuhl trifft. Mit Hilfe der Leuchtkästen und Titeln aus der Welt der Werbung gibt sie ihnen eine Bühne, die aus einem banalen Stilleben einen Galaauftritt macht, und eine objektbezogene Erinnerungs- und Trauerarbeit auf einem Catwalk darstellt. Auch hier unterscheiden sich Gütschows Bilder durch ihre - in diesem Fall ironische, surreale - absichtliche Brechung etwa von Bildern wie Jeff Walls Pipe Opening (2003).

In der Serie Z bezieht sich Gütschow erstmals auf einen konkreten, realen und historisch determinierten Ort - ja, indem sie selbst ein Atelier in einem der erhaltenen Gebäude des ehemaligen Gefängniskomplexes hat, lässt sich die Künstlerin von ihrem Werk als privatmenschliche Koordinate einverleiben. Dass die Bilder dabei visuell einen direkten Bezug vom skizzenhaften Entwurf zur späteren Ruine herstellen, ist zwar konsequent, bewirkt jedoch, dass die Serie im Vergleich zu ihren Vorgängern abfällt, da sie etwas veranschaulicht, was zuvor schon als Evokation in der Fantasie und im Nachdenken über die vielfältigen Verweise und Bezüge greifbar und nachvollziehbar war.

Der Baum und der Bürostuhl, der Bebauungsplan und die Ruine, die Reklame und die Wirklichkeit: Gütschows Arbeiten sind wie ein Haus, in dem ein Blick in jede Ecke lohnt. Jede Randständigkeit kommuniziert mit dem Kern, jedes Detail mit dem großen Ganzen. Und alles bezieht sich letztlich in unterschiedlichen Wechselwirkungen auf den augenscheinlich neben-, in Wahrheit jedoch hauptsächlichen Menschen, der seine Umwelt nach seinen Maßgaben konstruiert, und dabei die materiellen Ressourcen ebenso gebraucht und vernichtet, wie er wiederum von seinesgleichen immer wieder gebraucht und vernichtet wird.

Peter Truschner

Beate Gütschow: Z/I/S/LS. Deutsch, Englisch. Mit 65 Farb- und 15 S/W-Abbildungen und Texten von Florian Ebner, Anne-Catharina Gebbers, Maren Lübbke-Tidow. Kehrer Verlag Berlin 2016, 20 x 24,5 cm 120 Seiten 65 Farb- und 15 S/W-Abbildungen, 39,90 Euro. (Bestellen bei buecher.de)