Zygmunt Haupt

Ein Ring aus Papier

Erzählungen
Cover: Ein Ring aus Papier
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783518414293
Gebunden, 350 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort von Esther Kinsky. Mit einem Essay von Andrzej Stasiuk. "Was ist das - Glück? Erinnerung, ein Stück gelebten Lebens, das zum Eigentum geworden ist. Man kann zwischen zerbrochenen Spielsachen sitzen, zwischen Spänen, Kletten und Gras oder mitten in einer Landschaft und aus dieser zerstreuten Welt eine neue Gestalt bilden." Das schmale Oeuvre von Zygmunt Haupt (1907-1975) ist eine einzige Beschwörung dieser für immer verlorenen Welt der Kindheit. Aufgewachsen in Podolien, einem Grenzland mit seinen verschiedenen Sprachen und Volksgruppen, erlebt er, am Gartenzaun stehend, das Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 31.12.2003

Iris Radisch greift in die allerhöchste (leider allerdings nicht selten genug benutzte) Schublade des Kritikervokabulars: Dieses einzige hinterlassene Buch des 1975 gestorbenen Autors ist für sie "wahrscheinlich die bedeutendste literarische Wiederentdeckung des zurückliegenden Jahres", ein "unerhörter Nachtrag zur Weltliteratur". Und überhaupt - höchste Lust äußert sich immer in den banalsten Vokabeln -: "Das ist viel, das ist Literatur". Sehr schön macht Radisch deutlich, dass die bruchstückhaften Erzählungen zusammenzulesen sind als Fragmente einer Autobiografie. Sie spielen nicht nur in den podolischen Ebenen ("Podolien - damals Österreich-Ungarn, später Polen, dann UdSSR, heute Ukraine"), sondern zum Beispiel auch in Chamonix oder auch im Zweiten Weltkrieg in Frankreich, aber immer begeben sie sich auf die Suche nach einem verschwundenen Europa, so Radisch, die hier aus Andrzej Stasiuks Essay zum Band zitiert. Und hier hat der Band seine größte Stärke: "Es ist, als finge mit diesem Buch alles noch einmal von vorne an." Radisch findet nicht genug Worte, um die "Freiheit der Assoziation", die auch den Dingen ihre Freiheit wiedergebe, zu preisen. "Hoch intelligente Blödigkeit" unterstellt sie hier dem Autor, eine Unmittelbarkeit des Sehens, die den schmalen Band in die Weltliteratur einreiht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.11.2003

Kristina Maidt-Zinke bejubelt es als Glücksfall, dass das Werk des polnischen Autors Zygmunt Haupt mit diesem Buch jetzt auch für deutsche Leser wiederzuentdecken ist. Denn Haupt, der 1907 in der damaligen Westukraine geboren wurde, 1946 in die USA emigrierte und dort 1975 starb, ist hierzulande fast unbekannt, informiert die Rezensentin. Da die Texte außerordentlich dicht und komprimiert sind und damit etwas "Steinschweres" haben, wie die Rezensentin es ausdrückt, war die Übersetzerin Esther Kinsky mit besonderen Schwierigkeiten konfrontiert, die sie aber hervorragend gemeistert hat, wie Maidt-Zinke lobt. Sie hat die Erzählungen als eine "Art Autobiografie" verstanden, in denen der Autor die versunkene Welt seiner osteuropäischen Kindheit, seine Studienjahre in Lemberg und Paris, und seine Erfahrungen in England und Amerika verarbeitet hat. Was ihn aber über die gebräuchliche Erinnerungsliteratur nach Meinung der Rezensentin weit emporhebt, ist der besondere "Bilderreichtum" seiner Sprache und die faszinierende "quasi-musikalische Struktur". Maidt-Zinke beschreibt den Stil dieser Prosa als "seltsam störrisch" und charakterisiert die Texte angetan als gleichzeitig "konzentriert und ausschweifend". Am Ende äußert sie den Wunsch, die Werke aus dem Nachlass dieses "Einzelgängers" mögen doch bald in Gänze zugänglich sein.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.05.2003

Der Rezensent Andreas Breitenstein zeigt sich hocherfreut über Zygmunt Haupts Wiederentdeckung. Wie auch sein Zeitgenosse und Landsmann Bruno Schulz erscheint Haupt als ein "von Bildern heimgesuchter" Einzelgänger, in den die Melancholie "tief eingesenkt" ist, und den mit den Dingen eine "Komplizenschaft" verbindet, die einem "magischen Weltempfinden" entspringt. Doch anders als bei Schulz seien die Dinge bei Haupt wie zur Ewigkeit geronnen, wie "in einer Vitrine unter Glas". Den "entschwundenen Tagen der multiethnisch geprägten östlichen polnischen Grenzlandschaften", an denen sich Haupts Schreiben entzünde, hafte eine verspätete Konfrontation der Provinz mit der "traumatischen Grunderfahrung der Moderne" an, mit dem Verlorensein in der Freiheit. So wie die "Kälte der Freiheit" zugleich "Lust und Angst" weckt, so pendeln auch Haupts Erzählungen zwischen "Utopie und Elegie, Idylle und Albtraum", in einem "diskontinuierlichen und in ihren thematischen Variationen zugleich musikalisch organisierten Ganzen". Doch auch wenn Haupts Erinnerungsarbeit ihm den Titel eines "polnischen Prousts" eingebracht hat, findet Breitenstein bei Haupt eine "Mündlichkeit" und eine "eigentümliche Mischung aus Konvention und Regellosigkeit, von Tradition und Subversion", die "in ihrem Durcheinander von Episode und Epiphanie, Imagination und Reflexion, Beobachtung und Betrachtung, erinnerter Vergangenheit und deutender Gegenwart" jedes Genre sprengt. Sinnstiftend und heimatlich sei allein die Sprache, das "dialektale Sprachgemisch" der Kindheit, mit der Haupt "assoziativ" alles Konkrete zum Abstrakten enthebt und die Wirklichkeit zum "Flimmern" bringt. All dies ergibt für den Rezensenten eine poetische Dichte, in der der Leser sich wie "blind", "konfus" und überwältigt fühlt.
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