Andrzej Stasiuk

Die Welt hinter Dukla

Roman
Cover: Die Welt hinter Dukla
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783518412053
Gebunden, 174 Seiten, 18,41 EUR

Klappentext

Aus dem Polnischen übersetzt von Olaf Kühl. Dukla ist ein verschlafenes Städtchen in Südpolen, am Rande der Karpaten, nicht weit von der slowakischen Grenze. Auf dem Marktplatz hat sich alle Leere der Welt versammelt, und ein Wind herrscht, der direkt aus Alaska und Sibirien herüberweht. Dukla mit seinen bröckelnden Mauern und dem Schloss der Fürsten von Brühl, den beiden Barockkirchen und der niedergebrannten Synagoge ist ein Ort, der eine magische Anziehungskraft auf den Autor Stasiuk ausübt. Wie unter Zwang kehrt er immer wieder dorthin zurück, aus allen Himmelsrichtungen, zu allen Tages- und Nachtzeiten. Was er bisher war, wird durch Dukla auf sanfte und radikale Weise in Frage gestellt. Je hartnäckiger Stasiuk dieses Staunen zu ergründen versucht, je präziser er die Wahrnehmungen und epiphanischen Momente zu beschreiben versteht, desto stärker nähert er sich der "anderen Seite der Zeit und der Wirklichkeit". Sein Versuch, den Geist des Ortes zu packen, der Materie ihr Gedächtnis zu entreißen, macht diese Spurensuche zu einer gewagten dichterischen Expedition.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.10.2000

Katharina Döbler hat die Lektüre mit einem Besuch im Titelort in Begleitung des Autors verbunden und vergleicht nun ihre Impressionen von der polnischen Kleinstadt mit ausgewählten Passagen des Buchs. Sie ist begeistert von der `wunderbaren und dichten`, dabei handlungsarmen Erzählung, die hinter kleinstädtischem `Nichts` Welterfahrung vermittelt. Richtig ins Schwärmen gerät sie bei den `wunderschönen Prosaminiaturen` über Landschaft, Tiere und Naturschauspiele und empfiehlt gar das Auswendiglernen einzelner Stellen. Dennoch ist der Autor, der wegen Kriegsdienstverweigerung im Gefängnis saß, der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit keineswegs gänzlich entrückt, bemerkt die Rezensentin anerkennend. Ihr erscheint das Buch als ein wichtiger Teil `kollektiver europäischer Biografie`, und sie kann das Bedauern von manchen Anhängern des Kultautors nicht teilen, die dem `brutalen Realismus` des Frühwerks nachtrauern.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2000

Hauke Hückstädt ist begeistert von Andrzej Stasiuks "Die Welt hinter Dukla" und nennt den Roman "weniger einen polnischen als einen welthaltigen Schwerpunkt dieses Bücherherbstes". Stasiuks zunächst behutsame, später dann schnellere Annäherungen an diese polnische Kleinstadt vergleicht er mit den Bildern, die der amerikanische Maler Edward Hopper gemalt hat. Die Beschreibung von Licht, das durch Gegenstände seine Form erhält, sei ein zentrales Element bei Stasiuk, so wie auch Hopper stark auf dieses dramaturgische Element gesetzt hat. "Er hat dieses polnische Städtchen aufgesogen", schreibt Hückstädt und lobt auch die Übersetzungsleistung von Olaf Kühl.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2000

Sylvia Geist ist gar nicht zu bremsen. Sie interpretiert `Die Welt hinter Dukla` ausführlich, aber zugleich punktuell und im Zeitraffer. Damit scheint sie dem Inhalt des Romans gerecht zu werden. Denn hier geht es nicht um eine Handlung mit Anfang und Ende. Die sei nämlich, schreibt der Autor, Vergebung der Sünden, die Mutter der Dummen. In Zeiten `grassierender Story-Gläubigkeit` ist das eine Kampfansage, meint die Rezensentin. Stasiuks `Geschichte` lädt aber trotzdem zum Weiterlesen ein, versichert sie: Denn Dukla bietet eine Vielzahl von möglichen Geschichten, `die in ihrem fragmentarischen Charakter so aufregend sind wie ein Ereignis, dessen Zeuge man durch Zufall wird und dessen Ursache und Ausgang man nicht kennt, über deren Verlauf man demzufolge umso lieber spekuliert.` Die Geschichten zeichneten sich nicht durch eine Handlung aus, sondern durch den Blick des Erzählers. Seine Beobachtungsgabe verdichte sich sprachlich zu fotografisch präzise reproduzierbaren Bildern, die zugleich in die Transzendenz hinüberglitten. Eine Gabe, die in den europäischen Romanen der letzten Jahre ihresgleichen suche. Stasiuks` Sprache hält den Leser bis zur letzten Seite in ihrem Bann, schwärmt die Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2000

Mit einem emblematischen Halbsatz von Lars Gustafsson kennzeichnet Christiane Zintzen dieses Buch: `In einer Landschaft wie dieser`. Denn darum geht es für sie in diesem Buch: eine Landschaft, die alles bietet, was der Autor sagen will, da sie die `Archäologie des Selbst` enthält. Hier also ist es `die Welt hinter Dukla`, die zum Auftakt und Ziel einer `sentimentalen Reise durch Polen` wird, in einem Ton jedoch, so Zinzten, der sie als `großes Prosagedicht` ausweist (und hier lobt sie sehr ausdrücklich die `feingliedrige Sprachgestalt`, die der Übersetzer Olaf Kühl daraus gezaubert hat). Wer sich auf den Hauptgegenstand der Beschreibungen, nämlich das Licht dieser Landschaft, einlässt, muss allerdings `das Pathos starker Worte` ertragen, schreibt sie, und findet, dass dies manchmal an den Rand des Kitsches gerät. Dann aber helfen wieder lakonische Beobachtungen, wie Plastikmöbel als `Herden kleiner Skelette`, die in den `Tanz` mit der `Metaphysik` hineingezogen werden. Dukla also, so zitiert sie den Autor und scheint ganz mit ihm einverstanden, ist nichts anderes als `Ouvertüre zum leeren Raum`, `Zentrum der Welt`.
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