"Es war ein Frühlingstag, die Sonnenflecken spielten auf den Wänden der Häuser und auf den weißen Mauern der Sophienkathedrale." Seit Beginn des Russisch-Ukrainischen Krieges führt Yevgenia Belorusets ein Tagebuch, in dem sie aus der umkämpften Hauptstadt berichtet. Sie erzählt von ihren Eltern, von den Luftschutzkellern, von den Bildern in den Medien und den Bildern auf der Straße. Erschreckende Bilder, aber auch vertraute Bilder: denn Alltag gibt es auch im Schrecklichsten. Die Autorin und Künstlerin Belorusets schreibt und fotografiert - dabei verweigert sie die omnipräsente Kriegssprache und setzt den liebenden aufmerksamen Blick gegen Kampfrhetorik und Menschenfreundlichkeit gegen Polarisierung.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 24.12.2022
Rezensent Christian Thomas wirkt mitgerissen von Yevgenia Belorusets' Kriegstagebuch. Nachdem ihn bereits das Belorusets' Buch "Glückliche Fälle" begeisterte, bewundert er auch hier wieder die Eigenheit von Belorusets' Schreiben: eine Mischung aus "artifizieller Anspruchslosigkeit" im Stil von Johann Peter Hebel und "verstörenden Verrücktheiten eines Daniil Charms" attestiert Thomas den Aufzeichnungen der Ukrainerin aus Kriegszeiten. Vom Gegensatz zwischen bombardierten und scheinbar ruhigen Gebieten liest der Kritiker gebannt, von der "Zerrissenheit der Erfahrungen", die er bereits aus Serhij Zhadans Kriegstagebüchern kennt, von der großen Angst vor dem Winter. Auch fotografisch habe Belorusets diese Realität festgehalten: Wie "neutralisierte Schicksale" scheinen dem Kritiker die abgedruckten Fotografien, weil sie aus Personenschutzgründen kaum Gesichter zeigen. Ein eindrucksvolles Zeugnis von Ereignissen, die letztlich auch bei Belorusets die Bezeichnung "genozidal" verlangen, so Thomas.
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