Yann Martel

Ein Hemd des 20. Jahrhunderts

Roman
Cover: Ein Hemd des 20. Jahrhunderts
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010
ISBN 9783100478283
Gebunden, 206 Seiten, 18,95 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Manfred Allie und Gabriele Kempf-Allie. Henry T., ein ehemals erfolgreicher Schriftsteller, bekommt eines Tages einen Brief von einem Leser, der ihn sehr neugierig macht. Die Suche nach jenem führt Henry zur Tierpräparation "Okapi" und ihrem Besitzer. Der zeigt ihm Szenen eines ungewöhnlichen Theaterstückes, das er gerade schreibt. Es handelt vom "Schrecken". Doch was ist der "Schrecken", was geschieht da, und wie können wir Erlebnisse benennen, die sich in ihrer Grausamkeit jeglicher Sprache entziehen?

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.01.2011

Rezensentin Christine Regus ist beeindruckt: ein literarisches Buch über den Holocaust, das gelungen ist. Und das, nachdem so viele Autoren sich schon unter jedem erdenklichen Gesichtspunkt mit diesem Thema und der Schwierigkeit, darüber zu schreiben, beschäftigt haben. Yann Martel geht dabei einen Umweg, erläutert die Rezensentin: Er erzählt von einem jungen kanadischen Schriftsteller, der einen Roman über den Holocaust geschrieben hat, welcher von seinem Verleger abgelehnt wird. Das vernichtende Urteil lautet: langweilig. Von Martels "flott" erzähltem Buch könne man das nicht behaupten, so die Rezensentin. Konsequente Selbstreflexion, lernt sie hier, muss nicht in Selbstreferenzialiät enden.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.11.2010

Sehr ausführlich setzt sich Gustav Seibt mit diesem nicht sonderlich umfangreichen Roman Yann Martels auseinander. Er liest ihn als literarische Versuchsanordnung zur Frage danach, wie man in der Fiktion über den Holocaust schreiben kann. Das Problem geht für Seibt tief: Da (nach Aristoteles) die Fiktion das Exemplarische sucht, scheint sie für das Einmalige, das der Holocaust darstellt, wenig geeignet. Diese schwierige Ausgangslage wendet Martel in dem Buch reflexiv: Er lässt seinen Erzähler erst ein in Fiktion und Essay hälfteweise umzudrehendes Buch sich ausdenken (es wird nichts daraus), und lässt ihn dann einem Autor begegnen, der ein Stück namens "Beatrice und Vergil" (vgl. Dante) verfasst, in dem es in Tier-Allegorien um den Holocaust geht. Nicht mit jeder Wendung, die im Verlauf des Buches dann folgt, ist Seibt umstandslos einverstanden. Daran, dass es sich um einen "literarisch kunstfertigen" Roman handelt, lässt er jedoch keinen Zweifel.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.09.2010

Gisa Funck zeigt sich beeindruckt von Yann Martels jüngstem Roman, der fast zehn Jahre nach seinem Erfolgsbuch "Schiffbruch mit Tiger" erscheint und in dem er sich an ein heikles und schwieriges Thema heranwagt, wie die Rezensentin anerkennend feststellt. Der Autor lässt einen Schriftsteller daran scheitern, ein zwischen Essay und Fiktion liegendes Werk über den Holocaust zu veröffentlichen und macht ihn dann zum Mitarbeiter eines alten Tierpräparators, der seine Hilfe beim Schreiben einer Holocaust-Parabel um eine Eselin und einen Affen erfragt; die "verstörende Pointe" des Romans für die Rezensentin liegt darin, dass auch hier der Schrecken nicht gebannt werden kann. Funck kann nachvollziehen, wenn man dem Buch "allegorische Überfrachtung" vorwirft oder sich an den vielen geistesgeschichtlichen Verweisen stört. Dass man den Roman aber als "verharmlosend" tadelt, wie es amerikanische Kritiker getan haben, kann sie absolut nicht verstehen, im Gegenteil würdigt sie ihn als "originellen und durchaus überzeugenden Versuch" über den Holocaust zu schreiben.
Lesen Sie die Rezension bei buecher.de