Wolfgang Herrndorf

Diesseits des Van-Allen-Gürtels

Erzählungen
Cover: Diesseits des Van-Allen-Gürtels
Eichborn Verlag, Berlin 2006
ISBN 9783821857947
Gebunden, 188 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Diesseits des Van-Allen-Gürtels, auch wenn seine Figuren wenig exakt daherreden: Die Zwangsbekanntschaft zweier Kunstakademiestudenten wächst sich zu einer uneingestandenen Dreiecksgeschichte aus, die auf der Brenner-Autobahn zu einem unrühmlichen Abschluss kommt. Ein Krankenpfleger setzt sich mit dem Geld eines Patienten nach Asien ab und endet in der Polizeistation eines japanischen Fischerdorfs. Ein muffliger Mittvierziger und ein verzogener Halbstarker unterhalten sich auf einem einsamen Balkon über den Kosmos.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.04.2007

Bestens unterhalten hat sich Rainer Moritz bei der Lektüre dieser "kunstvoll komischen" Geschichten von Wolfgang Herrndorf. Im Mittelpunkt der sechs Erzählungen, die eine Art Zyklus bilden, sieht er mehr oder weniger abgewrackte, nur mäßig sympathische Gestalten um die vierzig aus dem Kulturbetrieb, die von Gefühlen der Leere, Sinnlosigkeit und Absurdität angefressen sind, sich aber cool und zynisch geben. Moritz attestiert dem Autor, souverän Realitätselemente einzubeziehen und sein Figurenarsenal mit Herren zu bereichern, "die man zu kennen glaubt und die 'Joachim Lottmann' oder 'Wiglaf Droste' heißen". Besonders amüsiert ihn, wie Herrndorf die stets um Coolness bemühten Figuren an pubertierenden Kindern oder am fehlenden Internetanschluss scheitern lässt. Eine der Stärken der Geschichten ist für Moritz, dass den Protagonisten, diesen "zwischen Normalität und Perversion lavierenden Trauergestalten", nichts "Belehrendes, nichts Schwerfälliges" anhaftet.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.03.2007

Das "bewusst kunstlose" Verhalten Wolfgang Herrndorfs entzieht sich offenbar der Beschreibung. Martin Lüdke probiert es tapfer, versucht zu beschreiben, wie wenig Botschaft der Autor hat, wie wenig ihm der Inhalt bedeutet und wie wichtig das "Wie" der Beschreibung ist. Ganz klar ist es nicht, warum man Herrndorf lesen sollte. Sicher aber ist, dass die Erzählungen "breiter" angelegt sind als der Vorgängerroman, und dass "trübe Aussichten und eine gute Stimmung" herrschen. Mit seinen Figuren von Zwischenexistenzen, die alles außer einem festen Job haben, kommt Herrndorf nach Ansicht Lüdkes dem "Bewusstsein" seiner Generation zudem ziemlich nah.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.02.2007

Richtig warm wird Uta Beiküfner nicht mit Wolfgang Herrndorfs Erzählungen. Wenn Literatur darauf abzielt, über die Wirklichkeit hinauszugehen, gehört dieses Werk nicht dazu, meint sie. Denn Herrndorf beschreibe einfach seine Alltagswelt, die Figuren sind aus der Welt des Autors eins zu eins herauskopiert. Einen "ästhetischen Mehrwert" wolle Herrndorf offenbar ganz bewusst vermeiden. Beiküfner findet das ein wenig mager. Herrndorf porträtiere "Getriebene", die aktiv bis hyperaktiv sind, ohne zu wissen, wohin sie wollen. Wenn er die Zentrale Intelligenz Agentur als Institution vorführt, an die sich in drei Jahren keiner mehr erinnern werde, findet die Rezensentin das zwar treffend, aber dann doch zu harmlos. Herrndorf sei schließlich selbst Teil dieser "digitalen Boheme" und könne sich von ihr nicht lösen. "Er provoziert, ohne weh zu tun", stellt Beiküfner mit sichtlichem Bedauern fest.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.02.2007

"Geht doch!", jubelt Rezensent Ijoma Mangold, "man kann auf Deutsch intelligente und extrem lustige Geschichten schreiben!" - und legt diesen Erzählband dringend künftigen Lesern ans Herz. Den Rezensenten begeistern nicht nur die "kunstvoll inszenierten Realfiguren" aus der Berliner Boheme, denen er in den Erzählungen begegnet ist, sondern auch ein "wunderbarer Erzählfluss" an sich, hintergründige Zeitkommentare und eine merkwürdige Melancholie, die beim Rezensenten immer wieder die Frage aufwirft, ob die hier beschriebene oberflächliche und exzessive "Startup"-Generation nicht eigentlich eine neue "Lost-Generation" ist. Schließlich gelangt der Rezensent zu dem abschließenden Befund, dass Wolfgang Herrndorf, wie zur Zeit kein zweiter deutscher Schriftsteller, virtuos mit Wirklichkeitselementen zu spielen versteht und so seine hörigen Leser gelegentlich an den Rand des Abgrunds führt.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.02.2007

Rezensent Maik Söhler ist sehr begeistert von diesen sechs Erzählungen, deren deutlich dichteste aus seiner Sicht die Titelerzählung ist, mit der Wolfgang Herrndorf seinen Informationen zufolge 2004 den Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt gewonnen hat. Deren "grandiose Komik, lässige Kraft und konzentrierte Desillusionierung" ziehen dem Rezensenten schlicht die Schuhe aus. Aber auch die restlichen Erzählungen glänzen ausgesprochen dunkel und böse, wie wir seiner Beschreibung entnehmen können, und oszillieren zwischen intellektuellen Hauptstadtmilieus und rechtsradikaler Bedrohung. Sogar Figuren wie Joachim Lottmann oder Wiglaf Droste tauchten auf. Es wird, wie wir lesen, viel Unfug geredet, aber alles dann auf eine so "offene Art" gemischt, dass "insiderische und randständige, liebevolle und bösartige Lesarten" möglich seien. Alles gleichzeitig, vermutlich.
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