Wojciech Kuczok

Lethargie

Roman
Cover: Lethargie
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783518421833
Gebunden, 253 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Wojciech Kuczok neues Buch handelt von drei Menschen und ihrem Beschluss, das eigene Leben zu verändern. Adam, ein junger Arzt, flieht vor seinem dominanten Vater vom Dorf in die Stadt. In der Liebe zu einem jungen Mann, einem homophoben Kleinkriminellen, findet er sein Glück. Robert ist ein alternder Schriftsteller, den seine Schreibblockade, seine hysterische Ehefrau und seine Schwiegereltern in die Verzweiflung treiben. Eines Tages erfährt er von etwas, das sein Leben verändert. Roza, eine erfolgreiche Schauspielerin und Werbeikone, lebt in unglücklicher Ehe. Doch sie beschließt, aktiv zu werden und ihrer Lethargie ein Ende zu setzen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2011

Was genau ist nun Trägheit, einzig möglicher Daseinmodus" oder Sünde? Wiebke Porombka ist sich am Ende der Lektüre von Wojciech Kuczoks zweitem Roman nicht mehr so sicher, weil die Figuren der drei Episoden einfach nicht aufzuwachen scheinen und weil der Erzähler das reichlich ungerührt mitteilt. Soviel Mitleidlosigkeit ist für Porombka schwer zu ertragen. Dass sie das Buch dennoch zuende gelesen hat, ist eigentlich erstaunlich. Liegt's am wahren Kern einer derartig pessimistischen Sicht auf die Welt beziehungsweise auf die polnische Gesellschaft? Oder einfach an der Meisterschaft des Autors im nüchternen Umgang damit? Das hätten wir gern noch erfahren.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.12.2010

Dringend ans Herz legt uns Andreas Breitenstein Wojciech Kuczoks zweiten Roman, den er wie schon sein Debüt als sehr gelungen lobt. Der polnische Autor lässt darin drei Protagonisten, einen sich seiner Homosexualität bewusst werdenden jungen Arzt, ein an einer Schreibkrise verzweifelnden Schriftsteller und eine unter der Kälte und Untreue ihres Mannes leidende Schauspielerin, gegen die sie einschnürenden Repressionen ihrer Umgebung anrennen, erfahren wir. Der Autor richtet seinen Blick auf ein zerrüttetes Polen in der Kaczynski-Ära und lässt die sich erst im Laufe des Romans verknüpfenden Geschichten seiner Helden versiert zwischen satirischer Überzeichnung und zarter Trauer changieren, stellt Breitenstein sehr angetan fest. Insbesondere die Genauigkeit in der Figurenzeichnung ringt ihm Bewunderung ab, und sehr sympathisch ist ihm zudem, dass Kuczok mit dem Schriftsteller auch ziemlich offensichtlich die eigene Schreibkrise verarbeitet, die ihn nach seinem großen Erstlingserfolg ereilt hatte. Dramaturgisch äußerst gelungen, reich an sprachlichen Pointen und geistreichen Einfällen preist der Rezensent den Roman. Ein treffendes Gesellschaftsporträt Polens, so Breitenstein begeistert, auch wenn er betont, dass es sich bei der Geschichte, die zumindest die Hauptpersonen aus ihrer "Lethargie" reißt, natürlich um "Satire" handelt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.11.2010

Freude bei Ina Hartwig ob dieses einprägsamen Titels des von ihr hochgeschätzten Wojciech Kuczok. Da ist die Erkenntnis natürlich besonders schmerzlich, dass dieses Buch an den Debütroman "Dreckskerl" von 2003 nicht heranreicht, wie die Rezensentin zugeben muss. An zwei Hauptmängeln krankt in ihren Augen der Roman: zum einen stört sie, dass er zwischen drei Geschichten hin und her springt, sie hätte sich lieber auf eine konzentriert. Zudem sieht sie die "Sprachkunst" des polnischen Autors nicht in allen drei Schicksalen vom schwulen Arzt Adam, der ehemüden Schauspielerin Rosa und dem todkranken Robert gleichermaßen auf der Höhe. Mit Abstand am besten hat Hartwig die Liebesgeschichte des frisch gebackenen Arztes Adam gefallen, der sich in einen kriminellen Jugendlichen verliebt. Das Happy End ist zwar gänzlich märchenhaft und vielleicht ein bisschen zu schön, räumt die Rezensentin ein. Dafür berühren die Figuren und ihre Schicksale und hier "stimmt auch der Ton", wie Hartwig lobt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.09.2010

Als "polnische Zukunftsvision" und "wundersames Zeugnis erzählerischer Freiheit" lobt Rezensentin Katharina Döbler diesen offenbar wieder sehr cholerischen Roman von Wojciech Kuzok, den sie auch als versteckte Hommage an Witold Gombrowicz auffasst. Es gibt drei Handlungsstränge und drei Protagonisten, die am Ende sogar aufeinander treffen, erzählt Döbler: Eine vernachlässigte Ehefrau, ein romantischer Schwuler und ein wütender Rebell. Sie irren wie in "lebensfernem Dämmerzustand" durch eine ziemlich deprimierende polnische Gegenwart. Das Buch lebt für die Kritikerin vor allem von Kuczoks großer Erzählkunst. Mühelos wechsle der Autor von Zartheit zu Realismus, von Sprachspielen zu blanker Satire. Die Übersetzerin Renate Schmidgall scheint ihr Bestes getan zu haben, diese sprachliche Vielfalt ins Deutsche zu übertragen, aber ganz scheint es ihr nicht gelungen zu sein. Das liegt wohl vor allem an der "Drastik der polnischen Umgangssprache", so Döbler.
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