Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. "Szymborska ist ein Phänomen der Unwiederholbarkeit, ganz gleich, ob wir die Trauer, den Tiefsinn oder den wunderbaren Humor ihrer Gedichte auf uns wirken lassen", sagte Karl Dedecius, der Freund und Übersetzer der Dichterin. Den staunend-ungläubigen Blick auf das Leben, jenes Spiel mit ungelernten Regeln - ihn hat sie bis zuletzt in jedem Gedicht neu ausprobiert. Aus den Kinderfragen nach dem Hier und Anderswo, nach dem Gewesenen und dem Möglichen formt sie Gebilde von berührender Aufrichtigkeit. Der Band mit Gedichten aus den Jahren 2005 bis 2011 wurde noch mit Wislawa Szymborska zusammen geplant. Nun ist er zu ihrem Vermächtnis geworden.
Eine gewisse Irritation löst der Umstand, dass Wisława Szymborskas letzter Lyrikband entgegen dem Titel "Glückliche Liebe und andere Gedichte" kein einziges Liebesgedicht enthält, bei Peter Hamm aus. Dieses Täuschungsmanöver ist typisch für die im vergangenen Jahr verstorbene polnische Dichterin, meint der Rezensent, der Szymborskas "feine, feminine Ironie" und ihre leisen Zweifel, die sich im Vorzug von Fragen gegenüber Aussagen ausdrücken, außerordentlich schätzt. Einzigartig ist Szymborska Lyrik für ihn auch insofern, als sie "oft geradezu unterhaltsam und sogar spannend" ist, und zwar durchaus nicht auf Kosten des Tiefsinns. Nur der Nobelpreis, der ihr 1996 zuerkannt wurde, passt nicht zu ihrem bescheidenen, uneitlen Werk und hätte eigentlich Zbigniew Herbert gebührt, meint der Rezensent, aber das kann man Szymborska schwerlich anlasten.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 06.12.2012
Beatrice von Matt bedankt sich nachträglich bei der polnischen Lyrikerin Wislawa Szymborska dafür, dass diese kurz vor ihrem Tod noch einen Gedichtband zusammengestellt hat, der auf Deutsch erscheinen sollte: "Glückliche Liebe und andere Gedichte", ins Deutsche gebracht von den "altbewährten" Übersetzern Renate Schmidgall und Karl Dedecius, verrät die Rezensentin. Nachdem von Matt bekundet hat, dass sie sich mit dem Band und etwas Nahrung problemlos eine Woche lang glücklich einsam irgendwohin zurückziehen könnte, lässt sie der Lyrikerin so viel Raum wie möglich, noch in der Rezension selbst zur Sprache zu kommen. Die Gedanken könnten "listiger und einfacher" nicht sein, findet die Rezensentin - und kommt aus dem Grübeln nicht mehr raus. "Es fehlte nicht viel, / und meine Mutter hätte Herrn Zbigniew B. / aus Zdunska Wola geheiratet. / Hätten sie eine Tochter gehabt, wäre das nicht ich gewesen. / Vielleicht eine mit besserem Gedächtnis für Namen und Gesichter . . ."; auch wenn Szymborska selbst mit "Leitgedanken" nicht viel anfangen konnte, in diesem (ersten) Gedicht des Buches meint die Rezensentin einen zu erkennen: warum sind die Dinge wie sie sind - sie hätten doch so leicht anders sein können.
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