Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay. Wyatt Gwyon wächst als Priestersohn unter der rigiden Obhut seiner Tante in der Provinz Neuenglands auf und entwickelt ein zeichnerisches Talent. Schließlich landet er Ende der vierziger Jahre im New Yorker Greenwich Village, wo er aus Not zu einem genialen Kunstfälscher wird. Doch er kopiert nicht etwa die alten Meister, sondern erfindet neue "Originale" und arbeitet damit korrupten Händlern und Hehlern in die Hände. Um ihn herum gibt es ein ganzes Heer an Künstlern, Kunstexperten, Schriftstellern, Geistlichen, Forschern und Politikern, die sich alle in einem Netz aus Lügen an der Fälschung der Welt beteiligen. Mit diesem sprachgewaltigen, amüsant und wild wuchernden Epos, das 1955 in den USA erschien, ist William Gaddis ein großer Wurf gelungen, ein Zeitroman über eine bodenlose, auf Lug, Trug und Schein aufgebaute Welt, ein Paukenschlag von einem Buch, das zu den bedeutendsten Meisterwerken der Literatur zählt und als Schlüsselroman der Moderne gilt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 06.07.2013
Angela Schader findet William Gaddis' Meisterwerk "Die Fälschung der Welt", das jetzt in einer revidierten Neuauflage der deutschen Übersetzung vorliegt, nach wie vor überwältigend. Der 1200 Seiten umfassende Roman mit seiner nicht nacherzählbaren, überbordenden Geschichte um den genialen Fälscher Wyatt strotzt in ihren Augen nur so vor Witz und Wut, Anspielungen und Bezügen, mystischen, surrealen und grotesken Elementen. Sie liest das Werk als Spiegelbild der zeitgenössischen Kultur und als Gegenentwurf dazu, als so faszinierendes wie ätzendes gesellschaftliches und künstlerisches Panorama, als Werk, das die großen Themen Kunst, Religion und Wahrheitssuche eindrucksvoll verhandelt. Ausführlich widmet sich Schader den Anspielungen und Leitmotiven des Romans und geht in diesem Zusammenhang insbesondere auf das Spiegelmotiv von Selbsterekennen und Wiederkennen sowie auf die Faust-Thematik ein. Bedauerlich scheint ihr nur, dass der Verlag auf eine gleichzeitige Herausgabe von Steven Moores unverzichtbarem Kommentarband zum Werk verzichtet hat. Doch ändert dies nichts an ihrer Bewunderung für Gaddis' "Fälschung der Welt", einen Roman, der in ihren Augen, "Achtung und Achtsamkeit fordert, aber auch funkelt vor Witz und Humor".
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