William Boyd

Das Schicksal der Nathalie X

Erzählungen
Cover: Das Schicksal der Nathalie X
Berlin Verlag, Berlin 2007
ISBN 9783827007179
Gebunden, 189 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Chris Hirte. Elf Erzählungen über enttäuschte Hoffnungen und hochgesteckte Ziele, über Liebe, Sehnsucht und Verrat. Lissabon der dreißiger Jahre: Ein Mal im Jahr treffen sich die junge Witwe Lily Campendonc und ihr ehemaliger Buchhalter Agostinho Boscßn und verbringen die Weihnachtstage miteinander - unter der Vorgabe, dass Lily ihren Liebhaber bei jeder Begegnung mit anderem, vorab avisiertem Namen anredet. Ein bizarres Liebesarrangement, das tief in die Abgründe der menschlichen Psyche führt. Ob er dem Autorenfilmer Aurelien No zu Dreharbeiten nach L. A. folgt und das Filmbiz in all seiner Aufgeregtheit und seinem Größenwahn zeigt oder ob er den kleinen Verrat eines Studenten in Nizza hintergründig in Szene setzt, Boyd beherrscht jeden Stil und jedes Genre. Die Hollywood-Satire, die Dichter-Novelle, das Eifersuchtsdrama. Allen gemein ist der Blick für das Ungewöhnliche und Abseitige.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.07.2008

In England längst bekannt und geschätzt, kann das deutschsprachige Lesepublikum William Boyds komplexes Werk nach einem Roman nun mit diesem Erzählband kennen lernen, so Ulrich Rüdenauer, der Gehalt und Form der Erzählungen sehr unterschiedlich bewertet. Mitunter winkt ihm der Autor allzu heftig mit "literarischen Zaunpfählen", etwa wenn er einem Handelskaufmann und heimlichen Dichter Zitate von Fernando Pessoa in den Mund legt. Gleichzeitig aber schätzt der Rezensent Boyds Händchen für die Beschreibung "abgründiger" Szenen, wie beispielsweise in der Erzählung "Lunch", in der die Geschichte allein aus der Beschreibung von "Speiseabfolgen und Begegnungen" hervortritt. Insgesamt freut sich Rüdenauer durchaus an der Spielfreude, mit der sich der Autor verschiedene Genres aneignet, auch wenn ihm manche Figur oder das ein oder andere Motiv noch nicht so recht ausgereift erscheinen will.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.01.2008

Eingenommen zeigt sich Tilman Urbach von diesen, auf Englisch bereits 1995 erschienenen Erzählungen William Boyds. Die Texte des Bands erscheinen Urbach überaus heterogen, die Zeiten, Orte, Protagonisten, die Motive, ja der Stil und die Genres wechseln von Erzählung zu Erzählung, die Geschichten wirken auf ihn oft wie Experimente, Fingerübungen, Entwürfe. Er betrachtet Boyd hier als einen Autor, der seine Möglichkeiten erkundet. Gleichwohl haben ihn die Erzählungen in ihren Bann gezogen. Auch wenn er auf eine Vielzahl von Motiven und Figuren stößt, kristallisiert sich für ihn ein Leitmotiv heraus: die menschliche Identität. Insgesamt würdigt als "ruheloses Tableau, in dem sich Leben und Poesie verbinden".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2007

Ariane Breyer kennt und schätzt William Boyd als Autor, der versiert mit den Grenzen von Fantasie und Wirklichkeit spielt und der mit seiner Künstlerbiografie des fiktiven Nat Tate sogar bekannte Protagonisten der Kunstszene New Yorks täuschte. Auch die elf Erzählungen dieses Bandes bewegen sich auf der feinen Grenze von Wirklichkeit, Fantasie und Wahn, zum Beispiel in "Verklärte Nacht", bei der Boyd die Familiengeschichte Wittgensteins mit der Geschichte des expressionistischen Dichters Georg Trakl verknüpft, indem er fiktive Tagebuchaufzeichnungen, Erinnerungen und Notizen Wittgensteins zusammenstellt. Meistens aber finde sich die Vermischung von Imagination und Realität in den Protagonisten selbst, wie in "Brasilien ist überall", wo sich ein unter seiner Mittelmäßigkeit leidender Held eine schillernde Karriere wahlweise als Chefarzt, Professor oder Musiker zusammenlügt und sich nach einer Affäre mit einer Brasilianerin sehnt. Gewöhnlich lässt sich die Rezensentin von der "wohlwollenden Ironie", mit der der Autor der Realitätsflucht seiner Protagonisten begegnet, einnehmen, nur die Erzählung "Hotel des Voyageurs" hat sie wegen ihrer schwülstigen Erotik irritiert.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.11.2007

Ausgesprochen begeistert hat Rezensentin Eva Menasse diesen Erzählband von William Boyd aufgenommen. Denn darin kam ihr dieser Meister der literarischen Fälschung ungewohnt echt und authentisch vor. Auch registriert sie fast mit Ehrfurcht, dass Boyd für jede Geschichte mit schlafwandlerischer Sicherheit die richtige Form finde. Schon die Eröffnungserzählung punktet bei ihr als Satire auf den Filmbetrieb, Hollywood und Autorenkino inklusive. Wieder einmal kann Boyd die Rezensentin als "Schriftsteller mit einer Unzahl von Masken" hinreißen, mit denen er aus ihrer Sicht stets "hochwirksam und irreführend" zu hantieren versteht, weshalb sich für sie jede Erzählung aufs Neue ganz kühl und frisch anfühlt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.07.2007

Durchweg sehr gut haben diese elf Erzählungen Rezensent Frank Schäfer gefallen. Die meisten von ihnen entleihen ihre Formensprache seinem Eindruck zufolge dem Film, was ihnen wohl ziemlich gut bekommt. Zu den Stilmitteln zählt der Rezensent harte "Cuts, Gegenschnitte, Perspektivwechsel und Überblendungen". Besonders hebt er in diesem Zusammenhang die "souverän" zur Satire auf die Hollywood-Mechanismen "heruntergekühlte" Titelgeschichte hervor. Trotzdem handele es sich bei den Stories "zuallererst um Literatur", was sie für den Rezensenten erst recht zum Vergnügen macht. Denn stets müsse der Leser mit eigener Imagination Lücken schließen, die durch William Boyds trickreichen wie bruchstückhaften Erzählstil entstünden. Dies genoss der Rezensent besonders bei der Wittgenstein-Erzählung "Verklärte Nacht". Im Fall der Geschichte "Brasilien ist überall" ergeben die skizzenhaften Szenen allerdings keinen rechten Sinn für ihn. Und da muss der Rezensent dann doch dezent monieren, dass Boyds Tonfall vielleicht auch eine Spur manieriert und gleichförmig ist.
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