In der Reihe "Deutsche Zustände" widmet sich die Forschergruppe um Wilhelm Heitmeyer seit 2001 dem Zusammenhang zwischen der sozialen und ökonomischen Situation in Deutschland und Formen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. In den letzten Jahren war hier, auch dank sinkender Arbeitslosenzahlen, ein positiver Trend zu beobachten: Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Sexismus gingen zurück. Doch nun rechnen Experten aufgrund der Wirtschaftskrise mit einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit in den Jahren 2009/2010. Wie wird sich die Krise auf die Abwertung schwacher Gruppen auswirken? Diese Frage steht im Mittelpunkt der statistischen Analysen, Essays und Interviews der achten Folge dieser Reihe.
Rezensent Detlev Claussen schätzt Wilhelm Heitmeyers aktuelle Studie über "Deutsche Zustände", die sich insbesondere mit der Verarbeitung der Weltwirtschaftskrise in der deutschen Gesellschaft befasst. Die seit 2002 jährlich erscheinenden Analysen des Bielefelder Soziologen und seines Teams zu "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" sind für den Rezensenten geradezu eine Institution geworden. Besonders "lesenswert" erscheint Claussen der aktuelle Band, weil die Autoren ihre Forschungsergebnisse im Sinne einer Kritik am szientistischen Objektivismus hier auch kritisch reflektieren. Die aktuelle Studie dokumentiert in seinen Augen, dass die Gewaltbereitschaft gegen Außenseiter in Deutschland nicht proportional zur Schwere der Wirtschaftskrise zunimmt. Die Krise, rekapituliert er das für ihn vielleicht wichtigste Ergebnis der Untersuchung, dringe gar nicht richtig ins Bewusstsein vor. Kritisch äußert sich Claussen dagegen über einen Beitrag von Felix Knappertsbusch und Udo Kelle, die eine Gleichwertigkeit von Antisemitismus und Antiamerikanismus konstruieren, die nach Ansicht des Rezensenten nur zu haben ist, wenn man beides als reine "Deutungsmuster" behandelt. Antisemitismus, so Claussen, ist aber mehr als eine Meinung: Es ist "eine gewalttätige Praxis in Wort und Tat".
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