Volker Braun

Das unbesetzte Gebiet

Im schwarzen Berg
Cover: Das unbesetzte Gebiet
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004
ISBN 9783518416341
Gebunden, 128 Seiten, 16,80 EUR

Klappentext

Tage, im Mai und Juni 1945, war das erzgebirgische Schwarzenberg unbesetztes Gebiet. Die Einwohner, die Flüchtlinge, Ostarbeiter, marodierende Soldaten fanden sich unverhofft im Niemandsland. Niemand war zuständig für sie, wer würde sie versorgen? Es begann eine herrschaftslose Zeit, nämlich ein großes "Durchenanner"; und das hieß für die einen ein banges Warten und für die andern, wenigeren, ein "unverschämtes Beginnen". Denn wenn man sie vergessen hatte, mußten sie sich auf sich selbst besinnen. Das ist eine Geschichte wie aus Hebels Kalender, und keine Person, keine Handlung ist erfunden, sie will ihre Kraft, ihre Rührung aus dem Wirklichen ziehen. Ein Anhang enthält Erkundungen, Grabungen im "schwarzen Berg"; und wieder spricht das Massiv: Seht, wie ihr weiterkommt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.10.2004

Jürgen Verdofsky bespricht die beiden Stücke mit diesem wissenden Tonfall (ja ja, der Volker Braun, ach ja, die "Republik Schwarzenberg"), der einen etwas unsicher zurücklässt, was seine Bewertung angeht. Er spricht von einer "neuen Sehnsucht nach einem Periodensystem des permanenten Wechsels" und meint wohl: Braun verleiht seiner Unsicherheit Ausdruck, erprobt in der Erzählung "Das unbesetzte Gebiet" die Möglichkeiten, die es vielleicht gab, als nach Kriegsende das Gebiet um Schwarzenberg 42 Tage lang von Amerikanern und Russen unbesetzt blieb, und möglicherweise auch die Möglichkeit, dass es keine Möglichkeit gab. "Alles bleibt konzentriert auf das Fabelwesen vom revolutionären deutschen Arbeiter, der sich aus selbst verschuldeter Unmündigkeit befreit. Bürgerliche NS-Gegner oder auch nur Intellektuelle treten, anders als bei Heym, in diesem Ensemble nicht auf." Stefan Heym hat nämlich auch mal ein Buch über die Ereignisse geschrieben, und man hat das Gefühl, das es dem Rezensenten mehr zusagte. Wie dem auch sei, es folgt der Erzählung eine "Sammlung von Miszellen", in denen Braun die Zweifel abwirft und "literarisch ungebremste" Visionen zum selben Thema entwirft. "Nachgetragene Deutungswut", meint Verdofsky.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.10.2004

Die freie Republik Schwarzenberg bietet Volker Braun das ideale Szenario, um sein "dialektisches" Geschichtsverständnis anzuwenden, stellt Martin Lüdtke fest. Nur im Blick auf die Vergangenheit lasse sich noch die Vorstellung aufrechterhalten, dass eine andere Welt denkbar ist, wie sie damals, im Mai und Juni 1945, während der 42 Tage als unbesetzte Zone kurz denkbar war. Braun hofft, so die Analyse des Rezensenten, dass aus dem Chaos des Überlebens damals eine Utopie entsprang, die Utopie einer freieren Gesellschaft. Der Fokus liege bei Braun dabei immer auf den "Mühseligen und Beladenen", die an der ungerechten Ordnung leiden, denen aber die Gesellschaft den Weg zur Veränderung versperrt. Brauns Sprache erinnert Lüdtke an Bloch, "doch er meidet das Pathos, bevorzugt den Witz." Und Brauns hartnäckige Hoffnung, dass die bessere Alternative der Welt irgendwann doch einmal Wirklichkeit wird, "ehrt ihn", findet der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.10.2004

Recht fasziniert beobachtet Beatrix Langner, wie Volker Braun sich der Geschichte der freien Republik Schwarzenberg annimmt. Braun, der ansonsten vor Sarkasmus nicht zurückschrecke und gerne "fürchterlichen Witz über Zeitgenossen schüttet", erzähle hier eher zurückhaltend. So "komisch" die Geschichte von Schwarzenberg ist, für Braun ist sie gleichzeitig "exemplarisch" für seine Idee einer offenen, veränderbaren Historie, meint die Rezensentin. Und so werde aus der "politischen Anekdote" unter Brauns Feder und mit Hilfe seiner "Sprachkunst" ein "geschichtsphilosophisches Exemplum" für eine "Republik des freien Geistes". Im Gegensatz zu Stefan Heym, der das Thema in seinem Roman "Schwarzenberg" behandelte, entkleide Braun die Idee der "freien Republik" von allen Ideologien, um eine individualistische Freiheit a la Schiller freizulegen, wie Langner erkannt haben will. Gut gefällt ihr der zweite Teil des Buches, eine Sammlung kurzer Prosatexte, in der sie unter anderem eine "schöne Hommage" an Brauns Schriftstellerkollegen Franz Führmann entdeckt hat.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 04.09.2004

Gemeint ist mit dem "unbesetzten Gebiet" der Landkreis Schwarzenberg im Erzgebirge, der nach der Kapitulation Deutschlands 1945 zunächst von Amerikanern wie Russen übersehen wurde, so dass ein paar Antifaschisten die Gunst der Stunde nutzten und die Verwaltung in die Hand nahmen, berichtet Jörg Magenau in seiner wohlwollenden Rezension. Während Stefan Heym aus dieser historischen Episode in seinem Roman "Schwarzenberg" die "recht heroische Legende einer Revolution aus eigener Kraft" gemacht habe, bekomme sie bei Braun den burlesken Ton einer Farce, "in der Menschen über die herumliegenden Gelegenheiten eher stolpern, als etwas daraus zu machen", erklärt Magenau. Für Braun stelle sich Geschichte als Kette von Niederlagen und verpassten Chancen dar, wobei er die Hoffnung nicht ganz aufgebe. "Die Möglichkeiten zur Veränderung", so Magenau, "waren ja da, sie wurden nur nicht ergriffen oder leichtfertig verspielt." Auch in dieser Erzählung sieht er Brauns großes Thema behandelt, die Frage nach dem Menschen und den Machtverhältnissen, in denen er existiert. Er charakterisiert den Autor als "Dialektiker in jedem Satz", der listig versuche, der Sprache einen verborgenen Sinn abzuluchsen und in jeder Harmlosigkeit einen Abgrund aufzureißen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.08.2004

Mit Vorsicht und Skepsis hat Jens Bisky die neue Erzählung von Volker Braun zur Hand genommen. Denn Braun schreibt über die Stadt Schwarzenberg im Erzgebirge, die 1945 nach der deutschen Kapitulation zunächst von keiner alliierten Partei besetzt wurde, weshalb die ortsansässigen, linksgesinnten Arbeiter einen "antifaschistischen Aktionsausschuss" gründeten, der bis zum Einmarsch der Sowjets die Stadt verwaltete. Und eben dieses Schwarzenberg hat Stefan Heym bereits vor zwanzig Jahren im gleichnamigen Roman "als eigenen deutschen Weg zur besseren Gesellschaft" stilisiert. So eine "Verklärung geglückter Anfänge", so einen "'Es-hätte-so-schön-werden-können'-Sozialismus" mag Rezensent Bisky heute gar nicht mehr lesen. Doch er bekennt, schon nach "wenigen Sätzen" seine Skepsis zu verlieren. Statt zu verklären, erzähle Braun "dicht" und "faktentreu", statt zu Utopien und Argumenten zu greifen, erobere er sich das "unbesetzte Gebiet als Erzähler, als deutscher Satzbauer". Und so findet Bisky hier "Persönlichstes und einen Zipfel der großen Geschichte" in konzentrierter Gemeinschaft. Bisweilen werde der Leser sogar von einem "wohl dosierten Rausch der Freiheit" ergriffen. Ebenfalls lobenswert findet Bisky, wie "zwanglos" sich Braun der Sächsischen Mundart bedient. So "schön" habe dieser "ins Kabarett verbannte" Dialekt schon lange nicht mehr geklungen. Und überhaupt, so schließt Bisky, sei "Das unbesetzte Gebiet" eine der "schönsten" Erzählungen Brauns.
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