Viola Roggenkamp

Erika Mann. Eine jüdische Tochter

Über Erlesenes und Verleugnetes in der Familie Mann-Pringsheim
Cover: Erika Mann. Eine jüdische Tochter
Arche Verlag, Hamburg 2005
ISBN 9783716023440
Gebunden, 256 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Mit ihrer Spurensuche nach dem Jüdischsein in der Familie Mann-Pringsheim schließt Viola Roggenkamp eine verleugnete Lücke. Von nun an muss, wenn man über den deutschen Dichter Thomas Mann spricht, auch hierüber gesprochen werden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2005

Tilmann Lahme bespricht zwei Bücher, die jetzt zum hundertsten Geburtstag von Erika Mann erscheinen. Nichts abgewinnen kann er Viola Roggenkamps Studie, die die jüdischen Wurzeln der Familie Mann beziehungsweise Pringsheim in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung über die Thomas-Mann-Tochter stellt. Der Autorin "teilt in ihrem Buch kräftige Hiebe aus" und überzieht die Zeitgenossen Erika Manns, die Deutschen von heute sowie die Forschung mit ihrer aller "das Judentum negierenden Normalität" gleichmäßig mit ihrem Zorn, konstatiert der Rezensent überrascht. Laut Roggenkamp wurden bei den Manns die jüdischen Wurzeln zugunsten einer angeblich offen diskutierten Homosexualität verdrängt, so der nicht wirklich überzeugte Lahme der über die "psychoanalytische Geisterfahrt" der Autorin nur "staunen" kann. Was nicht in diese Theorie passe, lasse die Autorin schlicht wegfallen, empört sich der Rezensent, der für die Behauptung, Thomas Mann selbst hätte sich "gern" den Nationalsozialisten "angeschlossen", in der Studie nichts "Fundierteres" als den Furor der Autorin finden kann. Warum sich die Wut Roggenkamps dabei hauptsächlich gegen Thomas Mann richtet, versteht der Rezensent nicht, und ihn überkommen durchaus "Zweifel an der Kompetenz" der Autorin, wenn sie nicht nur "nebenher" die Joseph-Romane des Schriftstellers "abtut", sondern das vierbändige Werk zudem auch noch fälschlicherweise als Trilogie bezeichnet.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.11.2005

Die Standardbiografie zu Erika Mann ist schon vor zehn Jahren entstanden, geschrieben hat sie Irmela von der Lühe. Die nun zum hundertsten Geburtstag erscheinenden Bände widmen sich daher eher Seitenaspekten des Lebens der als Tochter Berühmten. So zeigt sich Viola Roggenkamp schon im Untertitel wild entschlossen, die Schauspielerin, Kabarettistin, Kinderbuchautorin (etc.) als "jüdische Tochter" vorzustellen. Das jüdische Element kam von der Seite der Mutter, nur sehr gekümmert hat es Erika Mann zeitlebens nicht. Und das macht Roggenkamp, der Rezensent Manfred Koch kann es kaum fassen, der von ihr Porträtierten zum Kardinalvorwurf. Sie will darin nichts anderes als Verleugnung und Verdrängung sehen und unversehens wird der Band so zur Philippika gegen die jüdische "Assimilation". Dem liegt freilich, so Koch, ein schwer erträglicher "diffuser Essenzialismus des 'Jüdischseins'" zugrunde. Die Autorin gehe mit ihrer "großrichterlichen Attitüde" sogar so weit, allen, die ihre Position nicht teilen mögen, im Vorwort schon mal "Antisemitismus" zu unterstellen. Eine solche Biografin hat die gewiss schwierige Erika Mann denn doch nicht verdient, resümiert der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.11.2005

Barbara von Becker findet, dass Viola Roggenkamp mit ihrem Buch über Erika Mann der inzwischen eigentlich "sattsam bekannten" Familienbiografie der Manns eine durchaus "neue, bedenkenswerte Facette" abgewinnt. Die Autorin vertrete die These, dass die jüdischen Wurzeln der mütterlichen Familie ein Tabu darstellten und durch die offensiv gelebte Homosexualität "verdrängt" wurden, erklärt die Rezensentin. Sie lobt die genaue Literaturkenntnis der Autorin, die die "frappante" Umgehensweise der Sekundärliteratur mit dem Jüdischsein der Manns-Pringsheims herausarbeitet. Meist werde das Thema nämlich in "peinlicher Vermeidung" umgangen. Roggenkamp kann "schlüssig zeigen", dass das Jüdische für Erika Mann "keine wünschenswerte Identität" darstellte, wobei die Autorin es "offensiv ablehnt", diese Gefühle zu "respektieren", so Becker mit Zustimmung. Und so zeigt sie sich von diesem "Versuch einer Annäherung" an die Schriftstellerfamilie sehr beeindruckt und lobt die "Verve und intellektuelle Schärfe", mit der Roggenkamp ihre durchaus "provokanten" Thesen vorbringt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.10.2005

Rundum gelungen findet Elisabeth Wehrmann dieses Buch über Erika Mann, das Viola Roggenkamp pünktlich zum 100. Geburtstag der Schauspielerin, Journalistin und Widerstandskämpferin vorgelegt hat. Sie hebt hervor, dass die Autorin Erika Mann als eine "jüdische Tochter" vorstellt und die Spuren des Jüdischen in der Familie des deutschen Dichters Thomas Mann sucht, von denen man in der Familie Mann nicht allzu viel wissen wollte. Wie Roggenkamp "das Jüdische, das Besondere, das Andere, das Verleugnete" den Manns nach- und dem Leser vortrage, hält Wehrmann für "glänzend". Insbesondere Roggenkamps Blick auf Erikas jüdische Mutter Katia, ihre Groß- und Urgroßmutter, lobt die Rezensenten als "kenntnisreich, oft polemisch, immer nachdenklich".