Ulrike Kolb

Diese eine Nacht

Roman
Cover: Diese eine Nacht
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2003
ISBN 9783608935936
Gebunden, 189 Seiten, 19,00 EUR

Klappentext

Eine ganze Nacht lang sitzt Vera an Zotts Bett. Er liegt nach einem Unfall im Koma, niemand weiß, ob er zurückkehren wird. Reden soll sie mit ihm, hat der Arzt gesagt, und das tut sie. Sie mahnt und schmeichelt ihm, sie flüstert, fragt und murmelt ihm ins Ohr. Sie zieht alle Register, spricht über ihre gemeinsame Zeit, die schon in der Jugend begann und im Erwachsenenalter eine dramatische Wendung erfuhr. Die Geschichte einer Freundschaft - und einer Nacht, in der es um Leben oder Tod geht.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 05.06.2003

Die Geschichten des Orpheus und der Eurydike und der Scheherazade, aber auch die frühen Romane von Antonio Lobo Antunes macht Hans-Peter Kunisch in einer begeisterten Kritik dieses Romans als literarische Inspirationen aus. Die Grundkonstellation aber ist selbsterfunden: eine liebende Frau versucht den geliebten, im Koma versunkenen Mann durch unablässige Rede wieder ins Bewusstsein zu ziehen. "188 Seiten, ein Satz", staunt Kunisch, und zwar ein Satz in "schlackenloser Sprache". Kunisch, so zeigt sich, war bis zum Ende gespannt von dieser Geschichte, in der die alte Bundesrepublik mitsamt "Steppenwolf"-Lektüre, 68er-Demos und Problemkindern wieder auftaucht. Mit ihrem "Roman ohne Held" sei Ulrike Kolb vor sechs Jahren bekannt geworden, erinnert der Rezensent. Nun lege sie ihr "bestes Buch" vor.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.05.2003

Der Rezensent Martin Krumbholz ist bitter enttäuscht von diesem "verunglückten Roman", der ihn anfangs der Konstellation nach an Pedro Almodovars "wunderbaren" Film "Sprich mit ihr!" erinnert, dann aber keine seiner Versprechungen einhält. Die Ansprache, die die Protagonistin an ihren im Koma liegenden Freund und Ex-Geliebten hält, hat nach Meinung des Rezensenten keine Spannung, "weil ihre Sprache keine Energie freisetzt, sondern kleinmütig an der Chronik der laufenden Ereignisse klebt, auch wenn sie die Chronologie fleißig ignoriert". Abstoßend findet Krumbholz ihr Jammern über die vergebenen Liebes-Chancen, um die ihr Monolog kreist, auch deshalb, "weil die Hoffnung mit Sentimentalität verwechselt". Sein Fazit über dieses Buch lässt dann auch kein Raum mehr für Zweifel an seiner Abneigung gegen das Buch: die Autorin verwechselt "das Erzählen mit einer Buchhaltung der Gefühle".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.04.2003

Obgleich wohlwollend gegenüber der fähigen Autorin, ist Jutta Person doch enttäuscht von diesem Buch: Das "Dokument einer Lebenshaltung" - der Achtundsechziger - sei hier geschrieben worden, aber weder inhaltlich noch stilistisch sei es besonders interessant. Eher "vorhersehbar" und "gefühlig" - ein Buch voller Sätze, die vage mit drei Punkten enden. Dafür gebe es zwar einen Grund in der Handlung - die Ich-Erzählerin spricht eine Nacht lang zu einem Freund von früher, der im Koma liegt und sich am Faden ihrer Stimme auch an seiner Existenz festhalten soll. Doch "was im Leben funktioniert", schreibt Person, "erweist sich in der Literatur nicht unbedingt als probates Mittel". Die aufgerollten gemeinsamen Erinnerungen an die gemeinsame Jugend, zeittypisch und ein wenig zu zart, geraten so "immer mehr zur Selbsttherapie", meint sie, aber eben nicht zu anregender Literatur.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.03.2003

Einen Roman auf monologischer Rede aufzubauen, ist per se schwierig, findet Lutz Hagestedt. Mit verhaltenem Lob bespricht er Ulrike Kolbs jüngsten Roman, der wie Isabel Allendes autobiografischer Roman "Paula" auf der gleichen Ausgangssituation aufbaue: ein Mensch liegt im Koma, eine weitere Person wacht und versucht ihn durch Sprechen zurück ins Leben zu rufen. Wie verteilt der Autor Informationen an den Leser, die der Adressat im Buch eigentlich schon kennt? Und wie wahrt der Autor seine Glaubwürdigkeit, fragt Hagestedt und meint, Ulrike Kolb habe dies couragiert und alles in allem auch überzeugend gelöst. Um nicht in eine "Schmachtprosa a la Allende" zu verfallen, greife sie zu dem ihr nicht unbekannten Mittel der Drastik und mische außerdem wohldosierte Komik unter den Monolog. Und so trägt die Lebensbeichte Veras gegenüber ihrem komatösen Jugendfreund Zott teilweise recht slapstickhafte Züge, die dem "ungeschminkten" Bericht - da der Patient ja im Koma liegt und insofern alles erträgt - den peinlich-bekenntnishaften Charakter nehmen, lobt Hagestedt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.02.2003

Walter Hinck ist verzaubert von der Sprache Ulrike Kolbs, die mit ihrer Erzählerin, der Journalistin Vera, eine neue Scheherazade erfunden habe - eine, die nicht sich selbst, sondern ihren Freund und Geliebten, den Künstler Zott, am Leben erhält: Er liegt im Koma, sie redet mit ihm und kehrt Erinnerungen der gemeinsamen Vergangenheit hervor, um den Faden, der sein Bewusstsein vor dem freien Fall bewahrt, nicht reißen zu lassen. "Der Roman", so Hinck, "ist ein nicht abreißender Monolog, der endlich zum Dialog werden möchte", und so reize die Erzählerin vor allem die Sinne ihres entrückten Zuhörers - und die des Lesers - und entfalte dabei die Geschichte von zwei Liebenden und den Jahrzehnten ihrer Trennung. Die Erzählung, so Hinck, sei gespickt mit erotischen Intimitäten, aber auch mit zahlreichen Referenzen an Bücher und Kunstwerke. Das sei niemals banal, befindet er und staunt vor allem darüber, "wie leicht und locker (...) das alles in Sprache verwandelt" ist - so dass am Ende "wieder Leben in die Leichenstarre" komme.
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