Krähe ist kein lyrischer Frischling. Sein erster Auftritt fällt auf den Oktober 1970, als bei Faber & Faber Ted Hughes' Gedichtband "Crow. From the Life and Songs of the Crow" erscheint. Er habe mit "Crow" eine Sammlung von Liedern "with no music, in a Super-simple and super-ugly language" schreiben wollen, sagt Hughes - und war durchaus erfolgreich damit. "Crow" ist in seiner Dunkelheit und seiner schwer erträglichen Gewalttätigkeit ein singuläres Ereignis in der Lyrikgeschichte, was durch die Übersetzung von Elmar Schenkel spätestens 1986 auch im deutschsprachigen Raum wahrgenommen werden konnte. Ich selbst habe das Buch ein Jahr später gelesen, war schockiert und schwer beeindruckt zugleich, und wusste, dass ich so etwas irgendwann auch einmal versuchen wollte. Bis dahin hat es nun fast vierzig Jahre gedauert - und herausgekommen ist natürlich etwas ganz anderes. "rückkehr von krähe" ist ein langes Abenteuergedicht in 14 Abteilungen, und von Ted Hughes' ursprünglicher Konzeption hat eigentlich nur der Protagonist überlebt: Krähe, eine Figur, von der wir nach wie vor nicht wissen, wen wir da eigentlich vor uns haben: einen Vogel, einen Menschen (und falls ja: einen Mann oder eine Frau?), eine Trickster-Gestalt, einen Gott oder einen Teufel.
Der Lyriker Ulf Stolterfoht ist für Helmut Böttiger eine Art DJ, der es geschickt versteht, die verschiedensten Diskurse von Botanik bis Popmusik zu remixen, und der neue Band ist für ihn eine besonders gelungene Abmischung. Krähe ist dabei eine "schwer zu fassende Trickster-Figur", die fliegendes Tier und streunender Dichter zugleich ist, erklärt Böttiger den Titel: Krähe krächzt, bezieht sich auf krähende Vorbilder von Ted Hughes und inszeniert sich in den dreizehn Langgedichten à fünf Strophen mit je fünf Versen als Filmemacher, als Evangelist oder betet die Startaufstellung des SV Meppen runter. Lyrisch verdichtet, hoch assoziativ und mit überzeugend lebendiger Sprache erzählt er von dem literarischen Ort, "wo die fetten schmetten schrecken" - für den Kritiker ein wunderbares Sprachspiel, das er gern zur anregenden Lektüre empfiehlt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2025
Einem überbordenden Lyrikband von Ulf Stolterfoht widmet Kritiker Christian Metz eine fast ebenso überbordene Besprechung: Im Mittelpunkt des Bandes steht er selbst als Dichter Krähe, dessen Publikationen, Theorien und Wirken er abschreitet. Immer neue Figuren und Ideen wirbeln den Text durcheinander, Satire und Fabulierlust vemischen sich und denen, die da nicht mehr mitkommen, habe Stolterfoht folgendes zu entgegnen: "winke winke, ihr vollpfosten und halbhorste!" Metz fühlt sich an Ted Hughes erinnert, mit dem Unterschied, dass dieser mit seiner "Crow" nicht fertig wurde, während der Dichter hier eine verrückt aus dem Ruder gelaufene "Volkssaga" dichtet, in der man sich genussvoll verlieren kann.
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