Tilo Schabert

Wie Weltgeschichte gemacht wird

Frankreich und die deutsche Einheit
Cover: Wie Weltgeschichte gemacht wird
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2002
ISBN 9783608942576
Gebunden, 550 Seiten, 35,00 EUR

Klappentext

Hat die Wiedervereinigung Deutschlands wirklich das Gleichgewicht der Kräfte in Europa bedroht? Welche Haltung nahmen die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs gegenüber der "deutschen Frage" ein? Wollten Thatcher und Gorbatschow tatsächlich die Wiedervereinigung sabotieren? Welche Haltung nahmen die USA zum Selbstbestimmungsrecht der Deutschen ein? Und welche deutschlandpolitischen Interessen verfolgte Frankreich unter der Regierung Francois Mitterrands? Der Autor greift auf bisher unveröffentlichte Quellen und exklusive Interviews zurück, unter anderem mit Francois Mitterrand, Hubert Vedrine und Hans-Dietrich Genscher.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.2003

Tilo Schaberts "Wie Weltgeschichte gemacht wird", das die "Legende" zu widerlegen sucht, Mitterrand habe die Wiedervereinigung 1989/90 "abbremsen" oder sogar "blockieren" wollen, wirkt auf Rezensent Ulrich Lappenküper "ebenso irritierend wie sensationell". Für irritierend hält Lappenküper Aufbau, argumentative Stringenz, Duktus und Schlussfolgerungen des Werkes, sowie seine "merkwürdigen Lücken im Literaturverzeichnis". Sensationell findet er dagegen Schaberts privilegierten Zugangs zu geheimen Präsidialakten. So kann Schabert nach Ansicht Lappenküpers überzeugend zeigen, dass Mitterrand den Wunsch nach staatlicher Einheit als legitimes Anliegen der Deutschen betrachtete. Nach dem Fall der Berliner Mauer habe Mitterrand drei Maximen entwickelt, die sein deutschlandpolitisches Handeln 1989/90 bestimmten und die Lappenküper folgendermaßen wiedergibt: 1. Das Einheitsstreben der Deutschen dürfe den Frieden in Europa nicht gefährden. 2. Frankreich besitze keinerlei Interesse, die Wiedervereinigung zu forcieren. 3. Sollte sie nicht aufzuhalten sein, müsse die Bundesrepublik bestimmte Bedingungen erfüllen: Ablehnung einer Neutralisierung Gesamtdeutschlands, Vertiefung der europäischen Einigung, Bestätigung der Oder-Neiße-Grenze, Verzicht auf Atombewaffnung. Lappenküper sieht keinen Grund, den Wahrheitsgehalt der von Schabert präsentierten Dokumente anzuzweifeln. Bedauerlich findet er nur, dass Schabert darauf verzichtet, sich wissenschaftlich mit jenen Autoren, die er der Legendenbildung bezichtigt, auseinanderzusetzen. Damit versäume er die Chance, vermeintliche oder tatsächliche Fehlurteile zu entlarven.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.12.2002

Tilo Schaberts Studie "Wie Weltgeschichte gemacht wird", in der er die französische Deutschlandpolitik in den Jahren 1989 und 1990 eingehend untersucht, hat Rezensent Urs Bitterli vollauf überzeugt. Wie Bitterli darlegt, stützt sich der Politologe auf noch unveröffentlichte Quellen, zu denen er im Archiv des Elysee Palasts Zugang hatte - Gesprächsprotokolle, Rapporte und schriftliche Arbeitsunterlagen aller Art -, sowie auf Gespräche mit einigen der wichtigsten politischen Akteure, unter anderem dem französischen Staatspräsidenten selbst. Schabert ging es dabei nach eigener Auskunft darum, "das Regieren von Präsident Mitterrand und derer, die mit ihm regierten, von innen her kennen zu lernen, zu erfahren, wie regiert wird". Darüber hinaus möchte er laut Bitterli eine Legende zerstören, die Legende nämlich, wonach Mitterrand die Wiedervereinigung Deutschlands habe verhindern oder doch habe "abbremsen" wollen. Das ist ihm nach Ansicht des Rezensenten bestens gelungen: Schaberts Analyse von Mitterrands Prozess des Nach- und Umdenkens in Bezug auf die Deutsche Einheit lobt Bitterli als "ebenso subtil wie scharfsinnig". Schabert zeichne das Bild eines bedeutenden Staatsmannes, der über das Problem der deutschen Teilung immer wieder nachgedacht und den Prozess der Wiedervereinigung mit Umsicht begleitet und gefördert habe. Daneben vermittle Schabert "wertvolle Hinweise" darüber, wie in den corridors of power" Informationen gesammelt, Wertungen vorgenommen und Entscheidungen vorbereitet werden. Als kleines Manko empfindet Bitterli lediglich Schaberts in den einleitenden Kapiteln entwickelte Psychologie politischer Wahrnehmung und seine Typologie politischen Handelns, die für den Geschmack des Rezensenten unnötig kompliziert ausgefallen sind.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.08.2002

Das Thema der deutschen Wiedervereinigung ist bereits in zahlreichen historischen Publikationen erörtert worden. Dennoch weist Rezensent Klaus Hildebrand mit Nachdruck auf eine Neuerscheinung zu diesem Thema hin. Tilo Schabert, informiert er, habe sich mit der Position Frankreichs zur deutschen Frage auseinandergesetzt und sei aufgrund seines priviligierten Zugangs zu zentralen Archivbeständen zu bedeutenden Ergebnissen gekommen, auch wenn, wie er einräumt, für die ausgewerteten Dokumente eine quellenkritische Auswertung noch anstehe. Als Fazit von Schaberts Analyse stellt Hildebrand heraus, dass Mitterrand als nationalistischer Politiker immer auch Verständnis für das nationalstaatliche Verlangen der Deutschen gehabt habe und mit der Krise der Sowjetunion frühzeitig begonnen habe, sich auf das bis dahin "eher Unwahrscheinliche" einzustellen. Schabert widerlege also die weitgehend akzeptierte These, der französische Staatspräsident habe die Wiedervereinigung abbremsen oder gar gänzlich verhindern wollen. Mitterrand habe vielmehr eine Gefahr in einer Neutralität Deutschlands gesehen, stellt Hildebrand als weiteres Ergebnis von Schaberts Studien heraus, die er abschließend als "bemerkenswerte Darstellung zur Geschichte der deutschen Wiedervereinigung" wertet.