Tilman Jens

Freiwild

Die Odenwaldschule - Ein Lehrstück von Opfern und Tätern
Cover: Freiwild
Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011
ISBN 9783579067445
Gebunden, 192 Seiten, 17,99 EUR

Klappentext

Internate, diese Sehnsuchts- und Schreckensorte, haben Tilman Jens früh fasziniert. Sein neues Buch ist durchzogen von persönlichen Erinnerungen aus seiner Zeit an der Odenwaldschule. Dabei geht es ihm weniger darum, skandal-versessen immer neue Missbrauchsfälle zu enthüllen, sondern um die Rekonstruktion der damaligen Stimmung und um eine Erklärung, wie es zu den grausamen Vorfällen kommen konnte. Dazu werden nicht nur die Aussagen von Opfern und Ermittlern dokumentiert, sondern auch einige der Täter porträtiert. Nicht Apologie steht hier im Vordergrund des Interesses, sondern eine möglichst genaue Klärung, herausgearbeitet aus der Konfrontation der Fakten und Aussagen so gegensätzlicher Quellen. So wird dieses Buch nicht nur die konkreten Geschehnisse aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, sondern zugleich jenes Zeitpanorama erhellen, in dem sich die Übergriffe abspielten.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.06.2011

Der Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth nimmt sich viel Zeit, sich mit Tilman Jens' Versuch der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle an der Odenwald-Schule und der öffentlichen Reaktion darauf auseinanderzusetzen. Befremdlich erscheint ihm die eigentümliche Täter-Opfer-Verkehrung, die bei Jens beispielsweise aus dem Schulleiter Gerold Becker eine "tragische" Figur und aus Opfern, die sich nicht an alle Details richtig erinnern, Opfer der "false memory" machen. Der Titel des Buches spielt auf Täter wie Opfer gleichermaßen an, dem Autor aber ist es offensichtlich vor allem um eine "Apologie" der Odenwald-Schule zu tun, stellt der Rezensent fest. Besonders problematisch findet Tenorth die methodische Herangehensweise dieser versuchten Analyse, die zwar einen historischen Ansatz verfolgt, aber als selbst involviert - Jens war in den 1970ern Schüler der Odenwaldschule - kritische Distanz vermissen lässt. Was in den Augen des Rezensenten nottäte, wäre eine historische und analytische Aufarbeitung der Missbrauchsfälle und der Blick für die systemischen Vorraussetzungen dafür in der Reformpädagogik. Ein Autor, der wie Jens durch persönliche Erinnerungen geprägt ist, kann diese aber offensichtlich nicht leisten, so Tenorth überzeugt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.05.2011

Empört reagiert Jörg Schindler auf Tilman Jens' Buch über den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule, das für ihn einen "gründlich misslungenen" Versuch darstellt, den Skandal aufzuarbeiten. Dem Sohn von Walter Jens, der selbst als Schüler an der Odenwaldschule war und heute, wie er - in den Augen des Rezensenten "verschämt" - offenbart, in dessen Trägerverein sitzt, ist es offensichtlich nicht um Aufklärung, sondern maßgeblich um eine Apologie der Schule zu tun, stellt Schindler verärgert fest. Der Autor bediene sich einer beliebten Politikerstrategie, nämlich nur das zuzugeben, was sich nicht länger leugnen lässt, klagt Schindler. Es erzürnt ihn maßlos, dass Jens den Anschein erwecken will, "so schlimm" sei alles nicht gewesen und Täter und Mitwisser von damals würden nun durch die Opfer und übereifrige Journalisten ihrerseits zu "Freiwild". Dem Autor geht es hier gar nicht um Fragen nach "Schuld und Verantwortung", sondern allein um die Verteidigung der Schule, so der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.05.2011

Kaum erschienen hat Tilman Jens' Buch über den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule bereits für heftigen Streit gesorgt, den uns Rezensent Christian Geyer so erklärt: Jens, selbst ehemaliger Odenwaldschüler, kritisiert in dem Buch unter anderem, dass der mediale Umgang mit den Missbrauchsvorfällen von damals heute neue Opfer produziert habe, nämlich die sehr schnell verurteilten Lehrer und Betreuer. Auch wirft Jens manchen Belastungszeugen mangelnde Seriosität vor wie etwa dem früheren Schüler Gerhard Roese. Im Gegenzug verurteilte dieser in der taz das Buch scharf und warf Jens vor, den Missbrauch in der Odenwaldschule zu verharmlosen. Rezensent Geyer kann diese Kritik nicht teilen. Er sieht hier keine Beschönigungen und keinen Relativismus am Werk, sondern eine Beweisführung gegen die Lehrer der Odenwaldschule auseinander genommen, die sich über jede Rechtsstaatlichkeit hinwegsetze und der "Unkultur des Verdachts" Vorschub leiste.
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