Thomas Meinecke

Jungfrau

Roman
Cover: Jungfrau
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008
ISBN 9783518420317
Gebunden, 348 Seiten, 19,80 EUR

Klappentext

Lässt sich erotische Annäherung auch im Sinn einer Asymptote vollziehen? Lothar erforscht das gemeinsame Werk des Theologen Hans Urs von Balthasar und seiner legendären Amica, der Ärztin und Mystikerin Adrienne von Speyr. Er glaubt sich einem unglaublichen Liebesdrama auf der Spur. Und Lothar selbst, ein von den Theaterwissenschaften zur katholischen Theologie sowie zu sexueller Enthaltsamkeit konvertierter Student, gerät zunehmend in Gewissenskonflikte mit seiner hoch und heilig gelobten Haltung: Das Charisma der Klavierspielerin Mary Lou stellt ihn vor Versuchung und Versagung.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 31.01.2009

Nicht unspannend, aber beileibe kein ungetrübtes Vergnügen ist dieser neue Roman von Thomas Meinecke aus Sicht von Rezensentin Susanne Messmer, die für die Lektüre einen Internetzugang zwecks Googelns unerlässlich findet. Denn der Roman, dem sie das Etikett "Diskursroman" verpasst, sei ein "sortierter, hochkomplizierter Zettelkasten", der Plot spindeldürr, die Figuren totenblass. Umso "lüsterner" werfe man sich auf das bisschen Handlung, die Hauptfigur mit dem albernen Namen "Lothar Lothar", der kaum, dass er sich fürs Zölibat entschieden hat, auf die laszive Musikerin Mary Lou trifft, und ihr gegenseitiges Begehren durch die Enthaltsamkeit immer stärker wird. An dieser Geschichte nun handele Meinecke die "Konstruiertheit kultureller Selbstverständlichkeiten" wie Sprache und Geschlecht ab. Irgendwann hat sie sich an Meineckes dauerndes Textbrodeln gewöhnt und ist selbst erstaunt, bis zum Ende des Buchs "bei der Stange" geblieben zu sein. Doch zum ersten Mal lasse Meinecke durchblicken, wie er Geschichten erzählen würde, würde er sie denn erzählen wollen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.01.2009

Freudig begrüßt Rezensentin Anja Hirsch den neuen Roman von Thomas Meinecke. Das Romanwerk des Autors, das sie als "diskursive Literatur" charakterisiert, ist ihres Erachtens natürlich alles andere als leicht konsumierbar. Gleichwohl findet sie den Mix aus katholischer Theologie, Gender-Fragen, aus Musik, Popkultur, Brautmystik und Theorie, den Meinecke dem Leser in "Jungfrau" offeriert, höchst reizvoll. Wer sich auf das Werk einlässt, wird Hirsch zufolge mit instruktiven Exkursen und "ungewöhnlichen textuellen Nachbarschaften" belohnt. Fast ein wenig überrascht scheint Hirsch darüber, wie die "Meinicke-Mix-Methode" als Form dieses Mal im Inhalt des Romans aufgeht, der vom Theaterwissenschaftler Lothar Lothar handelt, der sich der katholischen Theologie zuwendet und zölibatär leben möchte. Dabei findet sie in dem Roman - den Versuchungen Lothars durch die Jazzpianistin Mary Lou sei dank - durchaus eine Reihe von überaus amüsanten Passagen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.01.2009

Rainer Moritz ächzt bei dieser Roman-Lektüre unter der schieren Überfülle der Zitate, Themen und Zusammenhänge, hält es aber dem Autor Thomas Meinecke zumindest zugute, dass er seinem bisherigen "literarischen Ansatz" damit treu bleibt. Die dürre Handlung lässt sich nach dem Dafürhalten des Rezensenten schnell zusammenfassen: der ehemalige Theaterwissenschaftsstudent Lothar Lothar will Theologe werden und hat deshalb ein Keuschheitsgelübde abgelegt. Damit ist das Buch, das in Moritz' Augen die Bezeichnung Roman zu Unrecht trägt, aber nicht wirklich zureichend beschrieben. Im Verlauf des Buches befassen sich Lothar und die anderen Protagonisten mit verschiedensten Vertretern zeitgenössischer Musik, Kunst, dem Film und der Philosophie, daneben mit historischen Größen von Jean Paul bis Hubert Fichte und schließlich -als "Kernfiguren" seines selbst gewählten Zölibats - mit dem Theologen Hans Urs von Balthasar und der Mystikerin Adrienne von Speyr. Auch wenn der Rezensent dem Text manche Anregung entnommen hat, fühlt er sich doch durch die bombastische Anhäufung von Wissen nicht wenig "provoziert". Er hätte sich stattdessen mehr Passagen wie jene gewünscht, in der Lothars Enthaltsamkeit von der Musikerin Mary Lou Mackay auf eine harte Proben gestellt wird, denn hier beweise Meinecke, wie enorm komisch er schreiben könne.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2008

Kein geringer Vorwurf, den Tobias Rüther da dem Autor macht. Thomas Meineckes neuer Roman, so der Verdacht des vor lauter Diskursivität verzweifelnden Rezensenten, interessiere sich nicht für seine Leser. Doch Rüther meint das gar nicht so böse. Vielmehr scheint er enttäuscht, beunruhigt und ratlos. Würde er doch allzu gerne wissen, was Meinecke eigentlich möchte. Musik, Amerika, Medien, Poststruktualismus, Schrift. Das sind die Ingredienzien, die Rüther ausmacht. Meineckes Hang zu symbolischen Konstellationen, zu Überdeterminierungen (nicht mal eine Scheibe Mortadella ist, was sie scheint, seufzt der Rezensent) und zu entsprechend hölzerner Rede kennt Rüther ebenfalls bereits bestens. Und auch dass dabei die "Gemachtheit der Sprache" im Zentrum steht und nicht irgendein schnöder Plot. Über das verhandelte Machtverhältnis von Sprache und Welt weiß der Rezensent allerdings bereits Bescheid. Und so fühlt er sich beim Lesen bald nur noch frustriert, weil ihm wieder eine Referenz nicht auf- oder eine Dimension entgeht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.10.2008

Schwer beeindruckt ist Christoph Bartmann vom neuen Roman von Thomas Meinecke, dem er ungeahnte Unterhaltungsqualitäten zuschreibt. Wie gewohnt wird in Meineckes Roman viel rezipiert und zitiert, sich auf Gelesenes bezogen und reagiert, aber im Gegensatz zu früheren Büchern gewinnt der theoretische Hintergrund unvermutet "fleischliche Gestalt", so der Rezensent angetan. Hauptfigur Lothar Lothar, ein junger, zum Katholizismus übergetretener Theaterwissenschaftler hat ein Keuschheitsgelübde abgelegt und befasst sich mit "heiligem Ernst" mit den dafür relevanten theologischen Texten von den Mystikern bis Lacan, erklärt der Rezensent. Dabei lasse der Autor seinen Protagonisten nicht nur mit der populären These von der bloßen Triebverschiebung bei der mystischen Gottesverehrung aufräumen, er frage auch, ob es sich bei den "freiwillig Selbstkontrollierten" nicht vielleicht einfach nur um die "raffinierteren Liebhaber handelt", so der Rezensent, der an den Ausführungen sein Vergnügen nicht verhehlen kann.
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