Thomas Lehr

Frühling

Novelle
Cover: Frühling
Aufbau Verlag, Berlin 2001
ISBN 9783351029173
Gebunden, 142 Seiten, 16,82 EUR

Klappentext

Am Anfang der 39 Sekunden, die das Ende bedeuten, stehen Dunkelheit, Ungewissheit und Vergessen. Wo ist Christian Rauch angekommen? In eigentümlichen, verschwimmenden Bildern gleitet die Umgebung an ihm vorüber, Zeit und Raum scheinen aufgelöst. Eine Gestalt kommt ihm zu Hilfe, die ebenso verlässlich wie bedrohlich wirkt. Auf der Irrfahrt durch eine phantastische Stadtszenerie steigen Erinnerungen auf: Wieder läuft Christian hinter Robert her, dem großen Bruder, wie immer als sein kleinerer Schatten. In der Garteneinfahrt stehen drei Erwachsene, auf denen eine bedrückende Stille lastet. Die Mutter bleibt stumm, das Gesicht des Vaters ist erstarrt. An den Fremden darf man, soviel ist sicher, keineswegs das Wort richten. Für die beiden Jungen ist es der letzte Abend ihrer Kindheit, der Tag, an dem sie aus ihrem behüteten Leben herausgerissen werden ...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.2001

Schon die ersten Zeilen machten deutlich, dass keine bequeme Lektüre zu erwarten sei, schreibt Gerhard Schulz in seiner detaillierten Rezension und beschreibt den formal nicht neuen Zerfall des Ganzen in "schwindelerregende" Einzelteile als eine Suche Lehrs nach "Neuland". Als Verszeilen mit eigenem Gewicht gelesen, macht der willkürlich erscheinende, durch Satzzeichen immer gestaute Satzfluss den Sinn, analysiert Schulz und findet, die Einzelteile seien "ganz für sich von starker Leuchtkraft" und die "große Vision" einer "Arena der Toten, Gequälten" gar eines Jean Paul würdig. Brillant und mit ungewöhnlicher Sprachkraft werde der Leser von Lehr begleitet durch den kapitelweise rückwärts zählenden Countdown zum Tod des Protagonisten. Aber Schulz fragt sich, was der Verweis auf die Tragödie Kleists in diesem Werk zu suchen hat und bedauert den Abfall des Originellen in das Geläufige. Die allzu einfache Bedienung am Sympathiebonus der Geschlagenen der Geschichte scheint Schulz durchaus zu ärgern, und unverzeihlich scheint ihm der Satz "Sprache macht frei", dem er vehement widerspricht: Sie verpflichte zu Genauigkeit und Verantwortung!" Lobenswerte Gesinnung und ästhetisches Experimentieren" machen nach Schulz noch kein Kunstwerk, und der Rezensent schließt mit dem Fazit, dass jeder sachliche Bericht über die "Untaten einer entmenschten Ärzteschaft" diesem Kunststück überlegen bleiben werden.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.08.2001

Ganz verzaubert scheint Angelika Overath von der "liturgischen Eindringlichkeit" dieses "finalen Bewusstseinsstroms" und der "kühnen Artistik" des Autors. Dass der Leser nie mehr weiß als die suchende Stimme des Buches selbst, hat ihr offenbar ganz gut gefallen. Und erst die Sprache! Konsistenz von Seide! "Sie schmiegt sich kalt und fein dem jeweiligen inneren Erleben an." Die Konventionen kippen: Groß- und Kleinschreibungen und die Satzzeichen folgen gleichfalls unmittelbar der Expression, "kalkulierte Satzbrüche provozieren syntaktische Schocks und doppelte Bezüglichkeit." Eine Wortradikalität, befindet Overath, in der sich die Novelle einem Zyklus von Prosagedichten nähert.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 21.06.2001

Wenn die vom Autor konstruierte Parallele zu Dantes "Göttlicher Komödie" vom Rezensenten als gelungen bezeichnet wird - was für ein Lob! Und auch sonst ist Helmut Böttiger Lehr-Fan durch und durch. Der "atemlose, in zahllose Einzelscherben zerspringende Monolog eines Sterbenden", den der Autor hier auf wenig Raum zusammenpresst und mittels "staccatoartiger Sätze" und einer "exzentrischen Zeichensetzung" in neue assoziative Sinnbezüge stellt, hat ihn fasziniert. Zwar weiß Böttiger, dass, was hier erzählt wird, einzig in dieser Form (der Novelle) möglich ist, dass sich hier Orte und Zeiten entwickeln, die "nur in der Schrift aufzufinden sind", wenn auch die epochalen Themen des vergangenen Jahrhundert thematisiert werden. Aber dafür erhält man auch Dantes Hölle und Dantes Paradies in die letzten 39 Sekunden eines Erdenlebens und auf gerade mal 142 Seiten gepresst.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.03.2001

Thomas Lehr scheint mit dieser Novelle ein Meisterstück vorzulegen: Nicole Henneberg ist begeistert, wie es dem Autor gelungen ist, ein ungeheuer schweres Thema - das Dritte Reich - in eine strenge und knappe Form zu bannen und damit nicht wuchtig, sondern geradezu zart und fragil zu verfahren. Im Mittelpunkt der Novelle steht ein Mann, der erst stockend, wie ein Betrunkener, dann immer schneller seine Familiengeschichte im Rückblick rekonstruiert: im Moment seines Todes, der ihm Erlösung von der Schuld seines Vaters bringen soll, der als Arzt in Dachau an Menschenexperimenten teilgenommen hat. Es gibt wohl kein Bild in diesem Erzählstrom, meint Henneberg, das sich unterschwellig nicht doch irgendwie auf das Lager beziehen würde. Qual und Schmerz, Angst und Leid drücken sich in der Zerrissenheit der Sprache bis in die Orthografie und Interpunktion nicht ohne Pathos aus, schreibt Henneberg, doch der starke Rhythmus lasse den Gefühlen keinen freien Lauf, sondern "jede Weichheit sofort schockgefrieren".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.03.2001

Begeistert äußert sich Werner Jung über Thomas Lehrs Novelle "Frühling" und weiß nicht, was er mehr bewundern soll: die sprachliche und stilistische Kompetenz des Autors, seine eigenwillige, assoziative Rhythmik, die den Albtraum eines Mannes zeitlich extrem komprimiert und sprachlich verdichtet, oder das geschickte Verflechten deutscher Geschichte in ein Einzelschicksal, in eine Momentaufnahme von 39 Sekunden, in der sich alles "blitzlichtartig" erhellt. Die klassische Definition einer Novelle, so Jung, die eine "unerhörte Begebenheit" schildert, treffe im übrigen genau zu. Ein Mann stirbt, und während er stirbt, spult sich vor seinem inneren Auge noch einmal sein Leben bruchstückhaft ab - bis hin zu dem Erkenntnisblitz, der nach Bekunden des Rezensenten nicht nur den Protagonisten, sondern auch ihn selbst getroffen hat.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.03.2001

Sibylle Cramer fühlt sich stark an Thomas Bernhards Roman "Die Auslöschung" erinnert und hält dieses Buch für dessen deutsches Gegenstück. Die Novelle, die auf der alttestamentlichen Kainsgeschichte gründet, besteche durch ihre "fantastische Sachlichkeit" und ihre "präzise Hermetik", so die Rezensentin begeistert, die den "Rang" des Buches hervorhebt. Sie versteht die Novelle als Parabel, die das Ausmaß einer "Art Theodizee der deutschen Geschichtsverhältnisse" habe, wie sie - insgesamt selbst ein bisschen hermetisch - ausführt. Cramer sieht in ihr das "Negativ" zum 1995 erschienen Roman "Die Erhöhung" und betont, dass das vorliegende Buch dem Roman "an Bedeutung" nicht nachsteht.
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