Klappentext
Aus dem Französischen von Nicola Denis. Am Rande der Stadt und mitten im Sturm des Lebens: In der Pariser Banlieue wächst ein Junge mit seinen vier Brüdern auf, unter der Ägide einer so hingebungsvollen wie überforderten Mutter und eines teilnahmslosen Vaters, dessen Alkoholabhängigkeit das fragile Familiengefüge ins Wanken bringt. Der Alltag in der kleinen Sozialwohnung ist geprägt von Chaos, Streitereien zwischen den Geschwistern und der ständigen Sorge um das Geld. Doch immer wieder blitzen Momente von Zärtlichkeit, kindlicher Freude und Zusammenhalt auf: glückliche Sommer am Meer, Freundschaften, die Wärme spenden, kurze Fluchten aus der Enge. Im grauen Schulkomplex schließlich entdeckt der Junge zwischen Rangeleien, Spott und bleierner Routine einen beständigen Zufluchtsort: Das Schreiben wird ihm nicht nur Ventil, sondern Rettung - ein Weg, die Welt zu ordnen und sich selbst einen Platz in ihr zu sichern.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 02.10.2026
Mit seinem Roman "Schattengrenze" haucht Thibault Daelman dem inzwischen etablierten, ja langsam schon etwas modrig müffelndem Genre der Autofiktion "neues Leben" ein, freut sich Rezensent David Hinzmann. Wo Ernaux, Eribon, Louis und andere prägende Stimmen der autofiktionalen Herkunftserzählung krasse Kontraste brauchten, um die Ungerechtigkeiten des Klassensystems sichtbar zu machen, greift Daelman nun zu den sanften Zwischentönen, um die Widersprüche und Ambivalenzen wieder ins Bild zu setzen: Eine verantwortungsbewusste, sorgende Mutter mit fünf Söhnen, die sich die Freiheit raus nimmt, fremde Männer mit nach Hause zu bringen, oder: eine alkoholsüchtige Französischlehrerin, deren Leidenschaft für Lyrik ansteckend ist. Daelman zeichnet seine Figuren mit viel Empathie, Respekt, aber ohne zu beschönigen, in einer Sprache, die der "Widersprüchlichkeit Form verleiht", lobt Hinzmann. Der einzige, an dem Dealman kaum ein gutes Haar lässt, ist ein blasierter Bruder - jene Figur des Klassenaufsteigers, die normalerweise die Handlung autofiktionaler Geschichten trägt, weiß Hinzmann. In "Schattengrenze" bleibt sie bezeichnenderweise Nebenfigur. Daelman ist so ein Roman gelungen, der von den Effekten eines ungerechten Systems erzählt, ohne dabei Unterschiede, Ambivalenzen und Handlungspielräume negieren zu müssen, so der Rezensent.
Kommentieren

