Die Slowakei: Kaum ein Land im Herzen Europas ist so unbekannt wie sie. Doch eines weiß man von ihr: Sie war in den Jahren des Zweiten Weltkriegs eine Verbündete des Deutsches Reiches. Entgegen einer weitverbreiteten Einschätzung war sie jedoch weit davon entfernt, ein Mustersatellit der Deutschen unter der Leitung einer Marionettenregierung zu sein. Dies mussten auch die deutschen Berater erkennen, die seit 1940 die slowakischen Institutionen auf breiter Ebene gleichschalten sollten. Die Analyse zeigt, dass die slowakische Politik vor allem dann, wenn es um die Organisation der Nation durch die alleinregierende Hlinkapartei ging, Eigensinn bewies und sich auch gegen die Berater durchsetzte. Auf anderen Gebieten hingegen führten identische Interessen zu enger Kooperation, beispielsweise bei der Verfolgung der slowakischen Juden der SS-Offizier Dieter Wisliceny konnte sich als Judenberater auf einen traditionell vorhandenen Antisemitismus stützen. 1942 wurden mehr als 60.000 slowakische Juden deportiert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2005
Magnus Brechtken hat neue Perspektiven in Tatjana Tönsmeyers Studie über "Das Dritte Reich und die Slowakei 1939-1945" entdeckt, eine Differenzierung des deutsch-slowakischen Verhältnis während der nationalsozialistischen Besatzungszeit. Dieses stellt sich Tönsmeyers genauem Blick dar als "eine komplexe Mischung von Kollaboration, Interessenidentität und eigensinnigem slowakischen Beharrungsvermögen". Hitlers Überzeugung, die Slowakei sei ein "großgermanischer Raum", gab dem Land den Status eines Sonderfalls. Die Nationalsozialisten implementierten ein Berater-System, das Tönsmeyer nun "biografisch-strukturell" und von breiter Quellenbasis aus angeht. Es stellt sich heraus, so Brechtken, dass die Slowakei sich als durchaus williger Helfer erwies. Die rund 80 SA- und SS-Experten mit ihren Berater-Mitarbeitern gerierten sich zwar als einflussmächtig, in Wahrheit jedoch agierten die Slowaken durchaus selbständig und verstanden es sogar, zu weit gehende Einflussnahmen zu vereiteln. Auch der grassierende Antisemitismus, so Tönsmeyers Befund, ist nicht allein auf deutsches Drängen zurückzuführen, sondern hat Wurzeln, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen.
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