Luft nach unten
Roman

Paul Zsolnay Verlag, Wien 2026
ISBN
9783552075825
Gebunden, 336 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Nach vielen Jahren kommt Iva zurück an den Ort ihrer Kindheit, um ihr geliebtes Kindermädchen zu beerdigen. Im Hotel am Ohridsee, das Ivas Familie gehörte, hat sie wesentlich mehr Zeit mit Marija verbracht als mit ihrer eigenen Mutter. Als Iva auf Marijas Grabstein einen zweiten Namen entdeckt, kommt sie einem Familiengeheimnis auf die Spur …Iva unternimmt eine Tour in die Vergangenheit und in die Zukunft, denn sie versucht gerade auf komplizierten Wegen, mit ihrem Freund ein Kind zu bekommen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 07.08.2026
Rezensent Carsten Hueck liest mit Tamara Stajners Geschichte über eine Frau im Zwiespalt einen ambitionierten Unterhaltungsroman ohne viel "Luft nach unten". Ich-Erzählerin und Zentrum dieses Romans ist Iva, erklärt Hueck. Iva wünscht sich ein Kind, kriegt jedoch keines, aus diesem Mangel entsteht ihr Leid, aus ihrem Leid ihr Zwiespalt, aus ihrem Zwiespalt die Handlung. Auf der einen Seite: Ihr sicher und gut eingerichtetes Leben mit Karriere, Kinderwunsch und Ehemann Felix. Auf der anderen Seite: Freiheit, Sehnsucht, Sex - mit Gabriel. Sowohl Felix als auch Gabriel erfüllen zwar ihre Funktion als Figuren, stellt Hueck fest, bleiben als Charaktere jedoch uninteressant. Was durchaus zum Programm gehören könnte, denn Stajner fokussiert hier bewusst auf die Frauen, lesen wir. Im Gegensatz zu den Männern gesteht die Autorin Iva, ihrer Mutter und dem übrigen weiblichen Personal auch Widersprüche, Ambivalenzen, Facetten zu. Viel Raum lässt sie ihnen allerdings nicht, lesen wir. Stattdessen rammelt sie ihre Geschichte voll mit Themen, Konflikten und historischen Kontexten, die allesamt angerissen, jedoch nicht richtig auserzählt werden. Dazwischen: schöne Landschaftsbilder, humorvolle Alltagsschilderungen und viel Action, resümiert der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2026
"Hintergrund" und "Vordergrund" sind die Begriffe, mit denen Rezensentin Eva Goldbach ihre Lektüreerfahrung strukturiert. Im Vordergrund von Tamara Stajners "Luft nach unten" steht die Ich-Erzählerin Iva, eine Beerdigung führt sie an den Ohridsee in Nordmazedonien zurück, wo sie früher ihre Sommer verbrachte. Diese Rückkehr liefert den Anstoß der Erzählung über den unerfüllten Kinderwunsch der Protagonistin und wie er ihre Beziehung zermürbt zu ihrem Partner Felix, über ihre Zerrissenheit zwischen diesem Felix und einem anderen, Gabriel, dessen Welt für sie ein Fluchtort ist. Mit ihren Schilderungen dieser Zerrissenheit zwischen zwei Menschen, zwei Welten, stellt sich Stajner bewusst in eine Tradition mit Autorinnen und Autoren wie Tove Ditlevsen und Annie Ernaux, stellt Goldbach fest. Das alles im Vordergrund. Im Hintergrund dagegen, unscharf, schleierhaft: Die komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter und ein verklärtes, vergangenes Jugoslawien, lesen wir. Der hin und wieder verwirrende Wechsel zwischen Vordergrund und Hintergrund, zwischen verschiedenen Beziehungen, Orten und Zeiten, spiegelt sich auch formal in der "Dissonanz der Form- und Registerwechsel", schreibt die Rezensentin: Mal erzählt Stajner klar, stringent, zügig, präzise - vor allem über das Zwischenmenschliche im Vordergrund. Dann zieht sie SMS-Wechsel ein, diffuse Gedankenschleier und imaginäre Dialoge. In seiner Gesamtheit bietet dieser Roman einen tiefen Einblick in das Leben einer Frau mit Vergangenheit, so die Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 23.07.2026
So richtig begeistert ist Rezensent Jörg Plath nicht von Tamara Štajners Roman über die wütende junge Iva: Sie ist Violinistin und versucht mit ihrem Mann ein Kind zu bekommen, gleichzeitig hat sie eine Affäre mit Gabriel, der verheiratet ist. Iva ist oft sehr zornig, lesen wir, und wie die Autorin diese Wutausbrüche schildert, ist durchaus "erfrischend", meint der Kritiker. Die Protagonistin leidet noch immer unter ihrer lieblosen Mutter, an die sie zu Therapiezwecken täglich an einem langen Brief schreibt und die das "heimliche Zentrum" des Romans bildet. Ganz schön viel packt Štajner in ihren Roman, meint Plath, neben Besuchen bei Reproduktionsmedizinern, den ganzen Herausforderungen, die ein schwer zu erfüllender Kinderwunsch mit sich bringt sowie den "Muttermonologen", kann man außerdem Ivas Chats mit Felix und Gabriel lesen. Allerdings wollen sich diese verschiedenen Ebenen nicht so richtig zu einem Ganzen fügen und stehen "seltam isoliert" nebeneinander, findet der Kritiker, auch an Originalität mangelt es vielen Szenen. Am besten findet Plath die Passagen, an denen Iva an den Ohridsee fährt und dort von der geheimen Affäre ihres Vaters erfährt. Allgemeines Fazit: "Da ist noch Luft nach oben!"