Donezk, das schwarze Juwel der Ukraine - Eden und Sodom zugleich, im Kohlerausch brodelnder Tiegel, unwendbares Schicksal im Osten Europas. Die Leserschaft wird auf die doppelte Odyssee zweier Abenteurer geschickt: auf das des feurigen Schmieds Alexander und das der scheuen Linguistin Lisa, deren Wege sich an der Schwelle zum Krieg im Donbas kreuzen. Nur einer der beiden ahnt, dass die Begegnung weit über ihren vordergründigen Zweck hinausreichen wird. Thriller, Lovestory, Lebenslauf, historische Windrose, Handwerkerlied, Ontologie der ostukrainischen Seele - "Carbon" ist all das zugleich, ein in polyphonen Versen verfasstes Gebet für die geliebte, geschundene Stadt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 01.06.2024
Svetlana Lavochkinas Langgedicht zieht Rezensent Christian Thomas in seinen Bann. Die Verse erzählen aus der Ukraine von zwei sich kreuzenden "Odysseen": der von Alex, einem triebgesteuerten Macho-Schmied, und von der Linguistin Lisa, einem "märchenhaft schönen Töchterlein"; angesiedelt ist das alles im "Carbonkosmos" in Donezk. Wie die Lyrik passend zum Bergbau eher glühend, robust und schroff als feingliedrig ausfällt, scheint der Kritiker beeindruckend zu finden; auch die von der Synästhesie-Expertin Diana Feuerbach ins Deutsche übersetzte Einheit von Fühlen, Sehen, Schmecken, "gleichzeitig und gallig", scheint ihm zu imponieren. Spannend auch, wie sich in das "rhizomartige Geflecht" der Verse griechische Mythologie und Anspielungen auf die Linguistik Roman Jacobson einweben. Für den Kritiker eine erhellende historische Reflexion auf den Eintritt ins "ukrainische Industriezeitalter", dabei eine betörende Mischung aus Zorn, Zartheit und Zynismus, und nicht zuletzt auch eine Parabel auf die "zwischen Leben und Tod hin- und hergerissenen Ukraine", schließt er.
Naja: Mit den Ostukraine-Klischees zwischen "Schmutz und Schnaps" kann Rezensent Tobias Lehmkuhl in Svetlana Lavochkinas in Versform gehaltenem Band über den Donbas nicht viel anfangen. Die Geschichte des Liebespaares Alex und Lisa - er sitzt später im Gefängnis, sie wird Dolmetscherin - kommt im Deutschen in klapprigen Versen daher. Welchen Anteil die Übersetzerin daran hat, weiß Lehmkuhl allerdings nicht. Sehr bildreich ist die Sprache zwar, aber auch das kann die Mischung aus ukrainischer Geschichte und bizarrer Beziehungsgestaltung für den Rezensenten nicht mehr retten.
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