Nicht zuletzt der Präsidentschaftswahlkampf oder die Auseinandersetzungen um das Abtreibungsrecht machen deutlich, wie stark Religion die amerikanische Gesellschaft, Kultur und Demokratie beeinflusst. Religiosität steht also nicht zwangsläufig im Gegensatz zur Moderne, sondern ist ein flexibles Navigationssystem einer sich ständig wandelnden Gesellschaft. Dieses Buch versammelt vierzehn religiöse Führungspersönlichkeiten vom frühen 19. Jahrhundert bis heute, um sichtbar zu machen, warum religiöse Weltdeutungsangebote verlockend waren und wie sie sich wandelten, um attraktiv für ihre Anhängerschaft zu bleiben. Unter den Protagonistinnen und Protagonisten finden sich die ehemalige Sklavin Amanda Berry Smith, die für die Überwindung der segregierten Gesellschaft nach dem Bürgerkrieg steht, ebenso wie Jerry Falwell, der in den 1980er Jahren die Entstehung der ultrakonservativen New Christian Right forcierte, sowie Pauli Murray, die nach ihrem Tod zu einer Ikone der LGBTQ-Bewegung aufstieg. Der Baptistenpastor Billy Graham füllte auch in Deutschland mit seinem Kreuzzug gegen Liberalismus und "Unmoral" Hallen.Von den biografischen Momenten ausgehend entwirft die Autorin auf breiter Quellenbasis eine Textur der amerikanischen Gesellschaft. Sie erlaubt weit über die einzelnen Figuren hinausgehende Schlüsse zu zentralen sozialgeschichtlichen Fragen wie race, class und gender sowie zum Verständnis der Demokratie.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2025
Friedrich Wilhelm Graf lernt die Ambivalenz des Religiösen und seine Politisierung besser kennen mit Stephanie Cochés Studie über religiösen Führungsfiguren in den USA seit 1800. Cochés Auswahl der Persönlichkeiten, weißer PredigerInnen wie Glaubenszeugen der Black Church, findet Graf gut begründet. Sichtbar werden für den Rezensenten sehr unterschiedliche Glaubensmilieus, Frömmigkeitsstile, Symbolwelten und Muster religiöser Autoritätsbildung. Um die soziokulturelle Spaltung in den USA (unter Trump) zu verstehen, eignen sich Coches Analysen recht gut, findet Graf.
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