Sophie Lillie

Was einmal war

Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens
Czernin Verlag, Wien 2003
ISBN 9783707600490
Gebunden, 1450 Seiten, 69,00 EUR

Klappentext

Wien, Oktober 1938: Das Finanzamt Wien Innere Stadt-Ost pfändet die Kunstsammlung Jenny Steiner und mit ihr einige der beachtlichsten Exponate der österreichischen Moderne, neben anderen Gustav Klimts "Wasserschlangen II", "Landhaus am Attersee", "Bildnis Mäda Primavesi" sowie Egon Schieles "Mutter mit zwei Kindern" und "Häuser am Meer". Die Sammlung Jenny Steiner war nur eine von zahlreichen privaten Kunstsammlungen, wie sie vor 1938 in Wien bestanden ? und wie sie sich heute vielfach nur mehr über den Umstand ihrer Enteignung nachvollziehen lassen. Ausgehend von jenen Listen, die Schätzgutachter nach dem "Anschluss" 1938 im Auftrag der so genannten Vermögensverkehrsstelle und der Zentralstelle für Denkmalschutz erstellten, rekonstruiert die Kunsthistorikerin Sophie Lillie hier 148 private Kunstsammlungen Wiens. Sie zeichnet, wo dies möglich ist, den Weg zahlreicher Kunstobjekte bis in die Gegenwart nach. Neben Privatpersonen kam vielfach die Republik Österreich in den Besitz der geraubten Kulturgüter ? und zögerte deren Restitution Jahrzehnte lang, teilweise bis heute hinaus.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 25.03.2004

Einen "beklemmenden Einblick" in die Praktiken des staatlich legitimierten Kunstraubes im Nationalsozialismus gewann Friedrich Tietjen durch Sophie Lillies Handbuch. Zunächst erfolgte die Enteignung der jüdischen Bevölkerung in Österreich mittels der 1938 eingeführten "Reichsfluchtsteuer", die es erlaubte, 25 Prozent des jeweils geschätzten Vermögens einzufordern - war es den Betreffenden nicht möglich, den Betrag in Geld oder Aktien zu entrichten, wurden Sachwerte einbezogen, berichtet der Rezensent. 1941 wurden dann alle emigrierten Juden per Verordnung enteignet. Erschreckend fand Tietjen, wie wenige der geraubten Kunstwerke nach 1945 ihren rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben wurden: "detailliert" und "gründlich" verfolge Lillie die "absurden Begründungen", Weigerungen und Ausflüchte der verschiedenen österreichischen Kunsthäuser. Trotz der Ausführlichkeit des Handbuches könne es angesichts der überwältigenden Fülle von Enteignungen jüdischer Kunstsammlungen nur einen Einblick in das Thema gewähren, merkt der Rezensent schließlich an und hofft, dass Lillies Buch nur der Beginn einer "umfassenden Aufarbeitung" sei.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.10.2003

Eine "unverzichtbare Grundlage" für weitere Untersuchungen des NS-Kunstraub in Österreich ist dieses Buch der Kunsthistorikerin Sophie Lillie, lobt Rezensentin Gabriele Anderl, auch wenn die Autorin, bewusst und schon wegen der Fülle des bislang nur bruchstückhaft aufgearbeiteten Quellenmaterials, keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe. Lillie hat, wie man erfährt, "in zeitaufwändiger Kleinarbeit" rund 150 der nach 1938 von den Nationalsozialisten enteigneten und zerschlagenen Wiener Kunstsammlungen "detailliert erfasst" und "damit dem Vergessen entrissen" - denn ein beträchtlicher Teil der Kunstobjekte wurde sogleich über Auktionshäuser und den Handel veräußert, wie Anderl berichtet, und in der Kunsthandelsbranche, in der Diskretion selbstverständlich ist, hätten sich die Spuren der Werke darum besonders rasch verloren. Ihren umfangreichen Inventarlisten hat die Autorin außerdem, erfährt man von Anderl, "knappe, aber berührende" Einleitungstexte vorangestellt. Die meisten der Sammler, so berichtet die Rezensentin weiter, über deren Biografien diese Texte Auskunft geben, waren Vertreter des "assimilierten jüdischen Bürgertums". Über seinen engeren Zweck hinaus, so hebt Anderl schließlich noch hervor, kommt diesem Handbuch und dem darin versammelten Quellenmaterial auch noch das Verdienst zu, auf die Vielzahl der "in den gigantischen Raubzug" eingebundenen Instanzen und Personen zu verweisen.
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