Ein Gummibärchen essen, heute den Arm, morgen ein Bein. Was sich anhört wie ein Witz, ist Alltag für die Leistungsturnerin Amik. Für sie zählt jedes Gramm, jeder Wettkampf, jede Wiederholung. Und jede überschrittene Grenze nimmt Amik dafür hin. "Die Routinen" seziert eine Welt, von der jeder ahnt, dass sie hart ist, aber niemand sieht oder sehen will, wie ausbeutend ein System ist, auf dem so viel Glitzer und Glanzspray liegt. Amik beugt sich den gnadenlosen Wettbewerbsprinzipien ihres Sports und mit jedem weiteren Schritt auf ein Siegerinnenpodest entfernt sie sich mehr von den Mädchen, die sie gestern noch getröstet haben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.02.2026
Sowohl inhaltlich als auch sprachlich einnehmend findet Rezensentin Sophia Coper Son Lewandowskis Buch über strukturellen Missbrauch im Kunstturnen. Anhand einer Geschichte um die fiktive Kunstturnerin Amik, die besorgt den Karriereverlauf eines Schützlings beobachtet, aber auch im Rückgriff auf Zitate von echten ehemaligen Sportlerinnen wie Olga Korbut, Nadia Comăneci oder Simone Biles und mit einem kollektiven "Wir" beleuchtet die Autorin, die selbst geturnt hat, das "toxische Umfeld" dieser jungen Mädchen: es geht um das massenmäßige, aber sozial isolierende Training, um die Obsession mit dem Körpergewicht, und die politische Verwertung von Höchstleistungen und natürlich auch um sexuelle Übergriffe. Die Darstellung der Autorin, die die Turnerinnen trotzdem nicht nur als Opfer zeigt, sondern auch deren eigenen Erfolgshunger hervortreten lässt, scheint die Kritikerin dabei grundsätzlich gelungen und aufschlussreich zu finden. Besonders hebt sie jedoch hervor, wie auch Lewandowskis elegante und präzise Sprache eine Art Abbild der turnerischen Bewegungen und der polierten Oberfläche gebe - inklusive einer Typographie, die gewisse einzelne Sätze vom Text isoliere, wie der krönende Schluss einer Kür, staunt Coper. Für die Kritikerin ein weiteres gelungenes Dokument dieser Missstände, das nach Veränderung in der Turnwelt schreit.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 22.01.2026
In einem texanischen Anwesen haben Trainer seit den 1980er-Jahren immer wieder Kunstturnerinnen missbraucht, diese Geschichte bildet die Basis für Son Lewandowskis Debütroman, weiß Rezensent Paul Jandl. Ihre Protagonisten sind die fünfzehnjährige Izzy und die doppelt so alte Amik, die sich im Trainingslager damit auseinandersetzen müssen, welche harten körperlichen Opfer dieser Sport fordert und wie wenig sie als Individuen in diesem Metier zählen, resümiert Jandl. Er zeigt sich sehr überzeugt davon, wie Lewandowski mit präziser Sprache Fragen um Leistung, Nähe, Anerkennung und Selbstwert stellt und auslotet und dabei Dokumentarisches und Fiktion miteinander verwebt.
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