Aus dem Türkischen von Barbara Yurtdas. Eine türkische Insel in der nördlichen Ägäis. Die einheimischen Griechen und Türken leben von Weinbau, Fremdenverkehr und Fischfang. Leylan, die junge Bibliothekarin, munkeln sie, wolle ihren Vater, einen Trinker, umbringen. "Man hatte mir einen hinterhältigen Mord zugetraut. Und das Schlimme war, ich hatte mich sofort an meine Hinterhältigkeit gewöhnt." In Wirklichkeit versucht sie, ihren Vater mit einem speziellen Wein zum Sprechen zu bringen und zu heilen. Denn im Rausch quälen den Vater Alpträume. Und wirklich kommt Leylan hinter ein paar erschreckende Familiengeheimnisse. Doch deren Aufklärung reicht ihr nicht aus. In "Gold", dem zweiten Teil des Romans, setzt sie die Geschichten des ersten Teils "Wein" neu zusammen. Ihre Erzählungen geben dem Leben des Vaters Sinn und verhelfen ihm zu einem guten Ende. Mit den fiktiven Geschichten ihrer Vorfahren und der Inselbewohner hat Leylan die Gerüchte "umgedreht", sie hat sich ihren eigenen Mythos geschaffen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.04.2009
Wird man einen Roman lesen, wenn schon die Rezensentin sich fragt, ob sie ihn vielleicht nur aus Berufsethos zu Ende gebracht hat? Angela Schader lobt "Wein und Gold" am Ende als ein "aufschlussreiches Gesellenstück" - so ganz schafft sie es aber nicht, einem die Köder schmackhaft zu machen, die sie am Ende wohl selbst durch das Gefüge gezogen haben. Übrig bleiben für sie einige kleine literarische Schmuckstücke, die sich offensichtlich in viel schwerfälligerer Prätention verstecken, die Schilderung einer Bibliothek etwa oder die atmosphärische Darstellung einer türkischen Ägäis-Insel, wo diese "unselige Familiengeschichte" spielt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 10.01.2009
Rezensent Martin Zähringer braucht eine ganze Latte tiefgründiger Adjektive, um sein Lektüreerlebnis bei diesem Romandebüt auf den Punkt zu bringen, das er als "vielleicht am weitesten entfernt" von der Linearität des modernen türkischen Romans empfunden hat. Und so beschreibt er die zweiteilige Geschichte des am Alkohol zu Grunde gehenden Vaters der Erzählerin als "irrational und mythopoetisch, tiefenpsychologisch und genderbeflissen, musikalisch und magisch, dunkel verborgen, aber auch poetisch berührend und dahinsprudelnd". Am Ende sortiert Zähringer die Autorin in die "dunkelste Fraktion" der Gegenaufklärung ein, zu der sich kürzlich auch Feridun Zaimoglu bekannt habe. Die Geschichte ist seinen Informationen zufolge im ersten Teil "Wein" der Bericht einer jungen Frau über ihren sterbenden Vater, und schon hier sieht er viel Unbewusstes gespiegelt. Der mit "Gold" überschriebene zweite Teil - jetzt werde aus der Sicht der Witwe, also der Mutter der Erzählerin des ersten Teils erzählt - führe dann vollends in einen imaginären Raum und damit auf psychoanalytische Reise, in deren Verlauf sich die Erzählerin aufspaltet, in ihren Sohn oder ein Pferd, das einem seltsamen Ritual zum Opfer fällt. Nicht immer versteht der Rezensent ganz, worum es der Autorin geht. Trotzdem übt die Sprache des Romans einen gewissen Sog auf ihn aus, woran auch die deutsche Übersetzung von Barbara Yurtdas ihren Anteil hat.
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