Sebastian Conrad (Hg.), Shalini Randeria (Hg.)

Jenseits des Eurozentrismus

Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften
Cover: Jenseits des Eurozentrismus
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783593370361
Broschiert, 398 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

In Europa bleibt das Reden über die eigene Gesellschaft nach wie vor einem methodologischen Nationalismus verhaftet. Die vielfachen Verflechtungen und Austauschprozesse zwischen europäischen und außereuropäischen Ländern geraten selten in den Blick. Der vorliegende Band lädt dazu ein, die europäische Geschichte im Kontext von Kolonialismus und Imperialismus neu zu denken, und öffnet den Blick auf transnationale und postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.04.2003

Das Europa der Moderne, weiß Jürgen Zimmerer, produzierte sein Selbstbild vom "aufgeklärten, rationalen Okzident", indem es sich den Orient als sein Anderes, als "negative Folie" vorstellte: "Man erschuf den Fremden nach eigenen Vorstellungen." Seit Edward Saids "Orientalism", das mittlerweile ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel hat, hat sich vor allem im angloamerikanischen Raum ein wissenschaftliches Feld postkolonialer Studien entwickelt und ständig erweitert, das jetzt hierzulande - höchste Zeit! - anhand dieser Sammlung zentraler und exemplarisch die Forschungsfelder illustrierender Texte einführend erschlossen werden könne. Die Herausgeber leiten die Beiträge nach Ansicht Zimmerers "ausführlich und kundig" ein, die Lektüre mache die Fruchtbarkeit des postkolonialen Blickes gerade auch für die gegenwärtige europäische Identitätsbildung deutlich und besonders verdienstvoll sei der einzige deutsche Beitrag des Bandes, ein Plädoyer der Afrikawissenschaftler Andreas Eckkert und Albert Wirz gegen die an hiesigen Universitäten nach wie vor dominierende Wahrnehmung, Kolonialismus sei allein "ein Problem der anderen" gewesen. Eine rundherum verdienstvolle Angelegenheit also, findet Zimmerer und gestattet sich zwei kritische Hinweise: Das im Titel gemachte Versprechen von Perspektiven "jenseits des Eurozentrismus" werde nur zum Teil eingelöst; und für Zukunft sei es den postkolonialen Studien zu empfehlen, mehr Blick über die Diskursanalyse hinaus auf den "tatsächlichen Umgang" mit dem Anderen zu wagen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.01.2003

Recht kritisch geht Rezensent Hans Christoph Buch mit dem von Sebastian Conrad und Shalini Randeria herausgegebenen Band "Jenseits des Eurozentrismus" ins Gericht, der wichtige Vertreter dieser Denkrichtung vor allem aus angelsächsischen Ländern zu Wort kommen lässt. Zwar findet er die meisten Beiträge des Bandes "äußerst lesenswert" und betont, dass sie einen guten Überblick über den Stand der postkolonialen Theorie vermitteln. Nichtsdestoweniger hat er an den einzelnen Beiträgen dann viel herumzumäkeln. Den von John L. und Jean Comaroff durchgeführten Vergleich zwischen den Armenvierteln Londons im neunzehnten Jahrhundert und den Wohnverhältnissen in Betschuanaland hält Buch zwar für "zutreffend", aber "keineswegs für neu". Bei Dipesh Chakrabartys Interpretation einer britischen Impfkampagne in Indien als kolonialem Gewaltakt erkennt der Rezensent "einmal mehr eine fatale Tendenz zur Verabsolutierung der Dritten Welt, die ansonsten brauchbare Einsichten konterkariert". Den "Gipfel der Verzerrung" erblickt Buch in Steven Feiermans "idyllischer Sicht des vorkolonialen Afrika", die lokale Formen der Knechtschaft und Sklaverei zur Folklore bagatellisiere und gleichzeitig die Völkermorde in Ruanda und Biafra mit Schweigen übergehe. Sheldon Pollocks Beitrag über Indologie im nationalsozialistischen Staat würdigt er indes als "brillante Analyse". Insgesamt ist für Buch die Faktenbasis des Buches zu schmal, "um dessen überzogenen Anspruch zu rechtfertigen, der postkoloniale Diskurs sei mehr als eine selbstreferenzielle Theorie und akademisches L'art-pour-l'art."