Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié. Die Dreijährige Sal Jensen wird entführt. Doch das Leben bei ihrem neuen Daddy ist erst der Beginn einer seltsamen, atmosphärisch dichten Reise. Selbstständig beginnt Sal, auf der Suche nach einem Zuhause, von Haushalt zu Haushalt zu wandern und begegnet dabei den absonderlichsten Individuen: dem wortkargen Waschsalon Besitzer, der abgehalfterten Vermieterin, einem altjungen Mann ... Unsentimental und philosophisch heiter kommentiert Sal diese narzisstische Erwachsenenwelt. Scott Bradfield ist mit seinem neuen Roman ein großer Wurf gelungen. Die Entführung Sals ist keine Opfergeschichte, sondern ein sezierender, weiser, oft auch humoristischer Blick auf die amerikanische Gesellschaft.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.06.2013
Zu moralisierend, zu sehr bedacht auf Roadmovie-Atmo und esoterische bis biblische Erlösungsansprüche kommt diese parabelhafte Erzählung von Scott Bradfield der Rezensentin daher. Da hilft auch nicht die luftige Sprache oder dass die Heldin, die von eigennützigen Erwachsenen hin- und hergeschoben und möglicherweise, Anja Hirsch ist sich da nicht sicher, sogar missbraucht wird, an Momo erinnert. Der leidvollen Odyssee des Mädchens im Buch folgt Hirsch bald nur noch widerwillig, dramaturgisch zu langweilig erscheint ihr der Rhythmus ihrer wechselnden Unterkünfte, zu blass findet sie diese Prosa.
Catarina von Wedemeyer lernt in Scott Bradfields Roman "Die Leute, die sie vorübergehen sahen", dass auch der Kapitalismus poetisch sein kann, was aber das spezifisch kapitalistische an dieser Poesie ist, erklärt sie nicht wirklich. Im Roman wird ein kleines Mädchen, Sal, aus dem elterlichen Haus entführt, von einem anarchistisch-idealistischen Klempner, der das Kind vor den "Seuchen des Mainstreams" in Sicherheit bringen möchte und der ihr allerhand Philosophisches über die Welt beibringt, fasst die Rezensentin zusammen. Als der Mann verschwindet, zieht Sal weiter und begegnet verschiedenen eigenwilligen Figuren, die ihre freundliche Naivität nie ausnutzen. Ingesamt findet von Wedemeyer die Ausgangssituation ziemlich unwahrscheinlich und Sals Einsichten für ein Mädchen im Kindergartenalter ziemlich übertrieben. Bradfield gelingt es aber, Sal zu so einem starken Charakter zu entwickeln, dass sie sich nicht mehr um mangelnden Realismus schert. Und auch philosophisch zeigt sich die Rezensentin beeindruckt. Bradfield liefert "mehr als street wisdom oder platte Aphorismerei", verspricht sie.
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