2011 reist Sascha Hommer nach China, es ist seine zweite Reise ins Reich der Mitte. Vier Monate lang lebt er in der westchinesischen Millionenstadt Chengdu, wo ein befreundetes Paar ein Stadtmagazin herausgibt. Mit 14 Millionen Einwohnern ist die Hauptstadt Sichuans eine Boomtown des 21. Jahrhunderts, die hemmungslos wächst und wächst. In seinem Reisetagebuch "In China" widmet sich Sascha Hommer den absurden und abgründigen Alltagsgeschichten, die eine Stadt wie Chengdu hervorbringt. Auch fernab der prosperierenden Ballungszentren der Ostküste hat das chinesische Wirtschaftswachstum seine unübersehbaren Spuren hinterlassen: Aus dem einstigen Aussteigermekka Chengdu ist eine Metropole der chinesischen Gegenwart geworden, die dem westlichen Blick fremd und unzugänglich bleibt.
Rezensent Ralph Trommer reist mit dem Comiczeichner Sascha Hommer in ein farbloses China zur Metropole Chengdu. Doch wo vergleichbare Comic-Reisereportagen vom Culture-Clash in Form skurriler Episoden erzählen, bleibe Hommers Tonfall bewusst unspektakulär - was den Kritiker mitunter befremdet. Der Zeichner verzichtet auf das ästhetisch realistische Register und setzt ganz auf extreme Stilisierungen im Sinne eines Brechtschen V-Effekts, erfahren wir weiter. Die westliche Sichtweise, dass Asiaten ununterscheidbar seien, während Westler einander als hochindividuelle Subjekte begreifen, persifliere Hommer in einer ästhetischen Zuspitzung: Westler sind hier geradezu außerirdisch individuell, wohingegen die Chinesen deutlich reduzierter dargestellt werden und der Comiczeichner selbst sein grafisches Alter Ego die ganze Stecke über hinter einer Maske versteckt. Im wesentlich herrsche eine Außenseiterperspektive vor, so Trommer weiter: Die dadurch entstehende Reizarmut werde durch Verflechtungen mit der chinesischen Kulturgeschichte und der eingebunden Paraphrase eines chinesischen Science-Fiction-Klassikers aufgelockert. Dadurch erreiche der Comic zuweilen surreale, absurde, vor allem auch sehr witzige Qualitäten, so der Kritiker in seinem Fazit, wohingegen ihn die Austauschbarkeit der reizarmen Metropole ziemlich betrübt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 15.03.2016
Dank Guy Delisle sind Reise-Comics mit Anspruch auf Wissensvermittlung und soziale Relevanz inzwischen Klassiker, konstatiert Thomas von Steinaecker. Daran muss sich auch der deutsche Comic-Künstler Sascha Hommer messen, dem das durchaus solide gelingt, fährt der Rezensent fort. Er folgt hier dem im Comic stets maskierten Hommer durch China, erlebt weniger eine analytische Zustandsbeschreibung chinesischer Zustände als vielmehr die aufmerksam eingefangenen Eindrücke des Alltags in der Fremde, der aus Wohnungssuche, Chinesisch-Kurs, Unterhaltungen mit Expats oder seltenen, dann aber faszinierenden Begegnungen mit Einheimischen besteht. Toll, wie sich Hommer in seinen stark gerasterten Bildern von der Niedlichkeit Delisles abhebt, findet der Kritiker. Allerdings muss er gestehen, dass ihm das Buch insgesamt zu "unentschlossen" erscheint: Einige Episoden enden unpointiert, eingeschobene historische Reiseberichte oder surreale Alpträume wollen nicht recht in den Zusammenhang passen und der Blick hinter kulturelle und soziale Kulissen bleibt zu unscharf, moniert der Rezensent.
Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…