Seit geraumer Zeit lässt sich eine Neuorientierung in den kultur- und sozialwissenschaftlichen Debatten um Migration, Kulturkontakt, Imperialismus und Globalisierung feststellen, in denen der Begriff der Diaspora eine zentrale Rolle spielt. Die diasporische Situation - das (Über-)Leben als ethnische oder kulturelle Gemeinschaft in der Fremde - erweist sich als Paradigma der globalisierten Welt. Der Begriff der Diaspora gestattet, sich globalen Phänomenen in Gesellschaft, Kultur und Literatur zuzuwenden, die sich einer nationalstaatlichen Zuordnung entziehen, obwohl sie durch das Vokabular und die Denkmodelle, die für die Beschreibung des Nationalstaats entwickelt wurden, mitgeprägt sind. Die Diaspora situiert sich im Spannungsfeld zwischen kosmopolitischer Losgelöstheit und einem radikalen Nationalismus, der sich nicht länger territorial definiert.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 18.04.2006
Ein besonderes Verdienst von Ruth Mayers Studie sei, dass sie einen spezifischen Fachjargon vermeide, lobt Rezensent Manuel Gogos. Die globalen Migrationsbewegungen mit ihren Diasporagemeinden seien aus Sicht der Autorin nach den Kriterien von Nationalstaatlichkeit und Integration nicht mehr ausreichend zu verstehen. Allerdings dürfe man das Konzept "Diaspora" auch nicht utopisch überfrachten, zumal solche Gebilde oft erst "im Nachhinein" dank einer "invention of tradition" deklariert würden. Die Autorin, so der Rezensent, äußere sich besorgt, dass im deutschsprachigen akademischen Raum "die Zeichen der Zeit" nicht erkannt würden und man in Gefahr sei, mit alten Denkweisen neue Phänomene verstehen zu wollen. Für den Rezensenten ist dies insofern provinziell, als man sich selbst "im Zentrum" dünkt.
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