Robert Pfaller

Zwei Enthüllungen über die Scham

Cover: Zwei Enthüllungen über die Scham
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2022
ISBN 9783103971378
Gebunden, 208 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

In unserer Kultur der sozialen Medien finden viele, dass andere sich schämen sollten: Großkonzerne, Steuerhinterzieher, Männer, Dicke, Gegner. Früher wollte man mit Andersdenkenden diskutieren. Heute versucht man, sie nicht zu Wort kommen zu lassen. Das ist wie bei der Scham: immer muss etwas weg. Man möchte am liebsten im Boden versinken. In seinem neuen Buch widerlegt Robert Pfaller die beiden Hauptirrtümer über die Scham: die "Außenleitung" bei den Anthropologen und das "Idealungenügen" bei den Philosophen. Dadurch können bessere Strategien entwickelt werden, um uns aus den leidvollen Zuständen der Scham zu befreien. Denn es hilft nicht, Barbiepuppen zu modifizieren oder dickere Models auf Laufstege zu schicken. Erst ein besseres Verständnis der Scham eröffnet den Blick für Auswege aus der aktuellen Pseudo-Schamkultur.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.06.2022

Rezensentin Christina Lenz lernt mit dem Kulturphilosophen Robert Pfaller die Motive und die Folgen der Schamkultur kennen. Dass sich heute immer und überall geschämt wird, scheint Lenz nach der Lektüre keineswegs ein sinnvoller Ansatz zu sein, um etwa Rassismus oder Frauenfeindlichkeit zu begegnen. Im Gegenteil. Pfaller spricht laut Lenz auch vom "guten Ton" des Schämens. Ursachen erkennt der Autor laut Rezensentin in den allgegenwärtigen sozialen Abstiegsängsten und im Rückzug auf ethnische, sexuelle und geschlechtliche Identitäten. Das Spiegeln in der eigenen Schwäche ist demnach keine Lösung, so Lenz. Pfallers Analysen findet die Rezensentin erhellend im Hinblick auf unsere Debattenkultur.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.05.2022

Rezensent Ijoma Mangold begnügt sich nicht mit einer Kritik. Diesen Autor musste er in Wien zum Heurigen und auf eine Zigarette selber treffen. Er beschreibt ihn als einen fröhlichen Anarchisten, der die Klischees der Wokeness schon attackierte, als diese noch längst keinen Namen hatte, sich aber in den Unis schon ausbreiteten. Die heutigen "Linksliberalen" könne Pfaller als solche gar nicht mehr anerkennen, denn "sie hüten ihre Identitäten wie einst die Spießer ihre Vorgärten". Politischer Kitsch sei die heute überall anzutreffende und über sich selbst gerührte Suche nach Identität. Die Schwulen der frühen Bewegung wollten etwas haben: Sex. Die heutigen Queeren suchten nur noch Status: Sie wollten etwas sein, so Pfaller, und Mangold stimmt zu. Vor diesem Hintergrund ist für Mangold Pfallers neues Buch über Scham zu lesen: die "Pseudoscham einer Schuldkultur" müssten wir ablegen lernen, liest Mangold daraus. Statt dessen sollten wir Scham als einen Weg zur Rückeroberung von Ehre und Stolz begreifen: Das Schamgefühl verbiete es einem, den Kopf hängen zu lassen. Pfallers Prosa ist elegant, versichert Mangold. Die Leseempfehlung klingt nach einigen Heurigen nur noch beschwingter.

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