Robert Jütte

Geschichte der Sinne

Von der Antike bis zum Cyberspace
Cover: Geschichte der Sinne
C.H. Beck Verlag, München 2000
ISBN 9783406467677
Gebunden, 416 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Es ist noch gar nicht solange her, dass das "Schwinden der Sinne" oder die "Ent-Sinnlichung" der modernen Welt beklagt wurde. Inzwischen haben wir unsere Sinne wiederentdeckt, ohne allerdings zu ahnen, welchen Wandel unsere sinnliche Wahrnehmung im Laufe der Zeit erfahren hat. Robert Jütte hat ein Buch geschrieben, das uns ein ebenso vielschichtiges wie unbekanntes Bild von der Beschäftigung mit den Sinnen, von der Lust am Körper und dem Wandel der Sinnlichkeit zeichnet. Die Geschichte der Sinne zu erzählen, bedeutet auch Auskunft darüber zu geben, auf welch unterschiedliche Weise im Laufe der Jahrhunderte, im Wandel der Gesellschaften und ihrer Kulturen über die Sinne gesprochen wurde, und wie sich mit dem verändernden Interesse an den Sinnen zwangsläufig die Art ihrer Untersuchung wandelte. Das Buch ist nicht nur eine Geschichte der langen, vielgestaltigen Beschäftigung mit den Sinnen von der Antike bis zur Gegenwart, sondern zudem eine überaus kenntnisreiche Darstellung der Geschichtlichkeit unserer Sinne, ihrer großen - durchaus wechselnden - Wertschätzung, sowie ihrer jeweiligen sozialen Gebrauchsweisen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.11.2000

Gero von Randow hat erst mal was gegen den Buchtitel: Denn die menschlichen Sinne (und nur um die geht es) haben sich seit Jahrtausenden in ihrer biologischen Form nicht verändert. Also ist das Thema eigentlich, wie Sinneswahrnehmungen durch verschiedene Kulturen geprägt wurden. Jütte spekuliert nicht, so Randow, sondern rekonstruiert, was andere dazu meinten. Das gerät ihm zuweilen zu affirmativ. In zwei Bereichen aber findet er Jütte "glänzend": In der Beschreibung der Hierarchisierung der Sinne bei Aristoteles und Demokrit und in der Darstellung der Gegenwart von Überwachungskameras und beginnenden Cyberwelten. Ein echtes Verdienst ist es für Randow, dass der Historiker Jütte die Reflexion über die zukünftige Konstruktion der Sinnesausstattung eröffnet hat.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.11.2000

Schade, dass ein solches Thema so unsinnlich behandelt werden kann, bedauert Thomas Kleinspehn. Zu theorielastig, zu detailversessen. Gravierender allerdings findet Kleinspehn, dass der Autor zwar die meisten kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Untersuchungen der letzten 20 Jahre zur Kenntnis genommen hat, sie aber nicht für eine eigene Theorie verwertet. Das laufe auf eine Addierung von Fakten heraus, meint Kleinspehn, dem ein kritischer historisch-anthropologischer Ansatz fehlt. Vor allem was die Moderne angeht, mit ihrer "Zurichtung der Sinne", ihrer Abpanzerung, ihrer Verarmung, vermisst der Rezensent eigene Fragestellungen. Statt im "im normativen Diskurs" zu verharren, hätte der Medizinhistoriker Widersprüche aufzuspüren versuchen sollen, wie sie in den Künsten zum Ausdruck kommen. Im übrigen schließt Kleinspehn mit einer Bemerkung, die sitzt: Als penetrant empfindet er Jüttes ständiges Verweisen auf die deutsch-jüdische Herkunft der Kulturwissenschaftler Simmel, Elias etc. Diese "einseitige Aufmerksamkeit" irritiert Kleinspehn - denn von deutsch-christlichen Autoren sei nie die Rede.

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