Rene Girard

Die verkannte Stimme des Realen

Eine Theorie archaischer und moderner Mythen
Cover: Die verkannte Stimme des Realen
Carl Hanser Verlag, München 2005
ISBN 9783446206809
Kartoniert, 231 Seiten, 23,50 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Petra Willim. So unterschiedlich Theorien über Kulturen auch ausgefallen sind, eines hatten sie oft gemeinsam: das Misstrauen gegenüber dem Begriff des Realen. Girard war es immer unbegreiflich, wie leichtfertig eine solch zentrale Kategorie preisgegeben werden konnte. In einer Reihe von Aufsätzen, die sich mit Nietzsche, der Bibel, Richard Wagner oder Dostojewskij beschäftigen, führt er vor, wie Theorie sich überhaupt erst aus dem Bezug auf das Reale entwickeln kann. Ein gelehrter Außenseiter meldet sich da zu Wort, der der Wirklichkeit gegen die Flüchtigkeit modischer Theorien zu ihrem Recht verhilft.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.02.2006

Erfreut zeigt sich Hans Ulrich Gumbrecht über diesen Band, der eine Reihe von Aufsätzen Rene Girards in deutscher Übersetzung bietet. Ausführlich zeichnet Gumbrecht die Hauptgedanken des 1923 geborenen französischen Kultur- und Literaturwissenschaftlers nach. Im Zentrum von Girards anthropologischer Gesellschaftstheorie stehen für Gumbrecht der Sündenbock und das Phänomen kollektiver Gewalt. Er skizziert Girards Theorie der "mimetischen Begierde", die zu gesellschaftlichen Konkurrenzsituationen führen und soziale Krisen und Spannungen heraufbeschwören, welche nur durch einen Sündenbock gelöst werden können. Gumbrecht sieht erst heute die Zeit für einen gelassene und vielversprechende Rezeption von Girards Werk gekommen, finden sich doch darin jede Menge Provokationen und unfruchtbare Polarisierungen. Die Essays des vorliegenden Bandes bieten nach Ansicht Gumbrechts die Möglichkeit, Girards Weltsicht seit den siebziger Jahren in Einzelschritten nachzuvollziehen. Sie demonstrierten zudem, "dass Girards Denken einer Weiterführung durch seine Leser kaum Grenzen setzt." Neben der Auseinandersetzung mit Nietzsche hebt Gumbrecht Girards Kritik an der Mythentheorie von Levi-Strauss sowie die Dostojewski-Betrachtungen hervor - Essays, die sein Denken "plastisch und greifbar" machen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.01.2006

Erfreut zeigt sich Sonja Asal über diesen Band, der zwischen 1972 und 1997 erstmals erschienene Aufsätze Rene Girards in deutscher Übersetzung versammelt. Asal erläutert Girards Theorie des mimetischen Begehrens, wonach das Begehren weder aus einem ursprünglichen subjektiven Wunsch hervorgeht, noch durch seinen Gegenstand erzeugt wird, sondern einen Vermittler benötigt, was aus ihm eine soziale Antriebskraft macht. Die in vorliegenden Band versammelten Aufsätze wie "Das Komische in der Literatur" oder "Die Frage des Antisemitismus in den Evangelien" spielen Asal zufolge Girards bekannte Thesen an neuen Gegenständen durch. Dabei zeigten sie das weite Anwendungsfeld für Girards Theorie des Mimetischen, die trotzdem in keinem Moment schematisch wirke. Besonders hebt Asal zwei Texte hervor, in denen Girard durch Nietzsches Kritik am Christentum hindurch eine Diagnose der modernen Kultur unternimmt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.12.2005

Ein intellektuelles Vergnügen scheint Eckhard Nordhofen beim Lesen der Essaysammlung des französischen, in den USA lehrenden Anthropolgen Rene Girard empfunden zu haben. Die Stärke von Girards "mimetischer Theorie" liege in ihrer "doppelten Erklärungskraft", die einerseits eine lebensweltliche Realität unter dem "mythischen Schleier" wiedererkennen lasse, andererseits auch die Gründe für die Verschleierung angebe. Bezogen auf Freud bedeute dies beispielsweise nicht die Sexualität sei die Triebkraft, sondern die Nachahmung. Das nachahmende Begehren zwischen zwei Subjekten mache den Kern der mimetischen Theorie aus, legt der Rezensent dar. Ihr Erfolg liege auch darin begründet, dass sie Erklärungsmuster für Gewaltbereitschaft biete, und darüber hinaus Lösungen aufzeigen könne. Die aus einem ansteckenden Begehren entstehende Gewalt um "das Objekt der Begierde" führe zum Chaos, aus dem heraus bisher, in Geschichte und Mythos, immer auf einen "Sündenbockmechanismus" zurückgegriffen worden sei, der als Übereinkunft das Böse banne. Girards Theorie setze an der Wurzel an, und zeige so die mythische und religiöse Gewalt auf. Die Essays versammelten ein weites beeindruckendes Spektrum von "archaischen Mythen zu moderner Literatur und Anwendungen im Feld der gegenwärtigen Wirtschaft" schreibt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2005

Henning Ritter verehrt Rene Girard als "Schliemann des Geistes", und dementsprechend gut gefallen ihm die hier gesammelten Aufsätze Girards von 1972 bis 1998. Im Hintergrund steht immer Girards "mimetische Theorie", die im Mythos und dann auch in der Literatur, die sich aus dem Mythos speist, immer den gleichen ursprünglich realen Vorgang am Werke sieht: die Verfolgung unschuldiger Opfer durch die Gemeinschaft, die diese Tat im Nachhinein und "guten Gewissens" in ihren Erzählungen rechtfertigt. Da sich diese Theorie mittlerweile zu erschöpfen droht, bezeichnet es Ritter als einen "Glücksfall", dass Girards Ideen nun auf ein "weitgehend unvorbereitetes Publikum" treffen und damit frisch und unverbraucht erscheinen. Girard beschäftigt sich mit den verschiedensten Themen, vom Antisemitismus in den Evangelien bis hin zur Pest in der Literatur. Besondere Beachtung seitens des Rezensenten erfährt Girards Betrachtungen zu den "untergründigen Beziehungen" zwischen Friedrich Nietzsche und Fjodor Dostojewski.
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