Renate Habinger, Linda Wolfsgruber

Es war einmal

Von A bis Zett. (Bis 6 Jahre)
PN.1 Verlag - Bibliothek der Provinz, Weitra 2000
ISBN 9783852523088
gebunden, 64 Seiten, 14,83 EUR

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 31.05.2000

Das ABC ist Grundlage einer unserer wichtigsten Kulturtechniken, es hilft beim Lesen und beim Schreiben. Aber anders als beim Sprechenlernen, darauf verweist Gerda Wurzenberger mit Recht, erschließt sich das Alphabet den Kindern nicht auf kognitiv-sinnliche Weise, sondern verschließt sich zunächst eher durch formale Willkür. Darum verändert die Kenntnis des ABC die Welt der kleinen Leser und Leserinnen, von nun an ist ein Wort mit einem abstrakten Abbild im Kopf verknüpft. Weil diese Lernphase so wichtig ist, lassen sich Autoren und Illustratoren schon seit langem entsprechende Bilderbücher zum ABC einfallen. Früher als Schule des Lebens gedacht, wie Wurzenberger feststellt, heute eher als sprachphilosophische Betrachtung, die Kinder wie Erwachsenen Spaß machen soll. Gerda Wurzenberger bespricht fünf verschiedene Bücher, die das ABC zum Sprechen und Tanzen bringen.
1) Nadia Budde: "Trauriger Tiger toastet Tomaten" (Peter Hammer Verlag)
Nadias Buddes ABC-Buch setzt gewisse Grundkenntnisse voraus, meint Wurzenberger, und ist, wie der Titel schon nahelegt, von der Nonsenslyrik inspiriert. Das ergibt zunächst einfach komische Sprachbilder und witzige Zungenbrecher à la Fischers Fritz, im einfachen Comicstil illustriert, die sich aber beim Vorlesen und genaueren Hinsehen immer mehr erschließen würden. Sehr anregend für die sprachliche Phantasie und Entfaltung, lautet das vergnügte Urteil der Vorkosterin.
2) Esther Spinner, Anna Luchs: "Die Amsel heißt Selma" (Palazzo Verlag)
Ganz nett geschrieben und ganz witzig illustriert findet Wurzenberger das ABC-Buch von Spinner und Luchs, bemängelt aber sprachliche Originalität dieser zu einer etwas forciert wirkenden Geschichte zusammengefügten Tier-Anagramme. Alles in allem etwas brav, meint Wurzenberger, und eher als Spielanleitung zu gebrauchen, wofür ihrer Meinung nach auch die beigelegten vorgestanzten Buchstabenplättchen sprechen.
3) Hans Manz: "Ein kleines o steht vor dem Zoo" (Verlag Nagel und Kimche)
Kein ABC-Buch im herkömmlichen Sinne ist diese "Geschichte für Buchstabennarren", meint Gerda Wurzenberger, die den Verfasser Hans Manz, der in der Schweiz zu den renommiertesten Kinderbuchautoren zählt, als großen Sprachspieler und Wortklauber bezeichnet. Manz packt die Erkundung des Alphabets in eine Geschichte, in welcher ein Junge die Welt der Buchstaben schreibend in den Griff bekommen soll. Dabei verleiht der Autor den Buchstaben Charaktereigenschaften, mit denen sie gegen den Schreiberling auf lustige Weise zu Felde treten. Verena Ballhaus hat der Geschichte Schwarzweiss-Zeichnungen zur Seite gestellt, die laut Wurzenbacher der Ernsthaftigkeit des Manzschen Sprachspiels eine gewisse Leichtigkeit verleihen.
4) Katharina Lausche: "T wie Tukan" (Aufbau Verlag)
Ein Buch, das vornehm in Halbleinen gebunden ist, und der Rezensentin auch sonst gut gefällt. Die Autorin versammelt in alphabetischer Reihenfolge seltene Tiernamen. Die unbekannten oder exotischen Tiere sind in fotorealistischer Manier auf leerem Grund abgebildet, im Anhang läßt sich mehr über die Tierchen und ihre Plaisierchen erfahren. Interessant und allgemeinbildend, denn wer weiß schon, fragt Wurzenbacher, was ein Veilchenohr ist. Eine beigelegte Auflösungskarte hat auch der Rezensentin weitergeholfen.
5) Renate Habinger, Linda Wolfsgruber: "Es war einmal von A bis Zett" (Bibliothek der Provinz)
Die beiden österreichischen Autorinnen sind zugleich die Illustratorinnen dieses mit einem Preis ausgezeichneten Bandes, der nach Art alter Bilderbögen das ABC in Schwarzweiß auf beigem Grund variiert. Ein regelrechtes Wechselbad der Gefühle hat die Rezensentin durchlebt, da die Autorinnen viele Motive und Zitate aus der Märchentruhe geholt, aber öfter mal auch mutwillig vertauscht oder arrangiert haben. Man käme nicht umhin, so Wurzenbacher, verschiedene Märchen oder auch Kinderbuch-Klassiker wie Pinocchio oder den Struwwelpeter neu zu erzählen und neu zu interpretieren.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.03.2000

Jens Thiele gefallen die vielen buchstäblichen Märchenmotive, die den beiden Künstlerinnen von A bis Zett eingefallen sind. Das Buch bezieht seinen Reiz, so Thiele, aus der Verschränkung und Verrätselung der bekannten Märchenmotive, was ihm "einen schwebenden fragmentarischen Charakter verleiht, ernst und unernst zugleich". Die beiden Künstlerinnen haben für ihre versonnen-versponnenen Bildideen den österreichischen Kinderliteraturpreis für Illustrationen erhalten.
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