Reinhard Jirgl

Abtrünnig

Roman aus einer nervösen Zeit
Cover: Abtrünnig
Carl Hanser Verlag, München 2005
ISBN 9783446206588
Gebunden, 544 Seiten, 25,90 EUR

Klappentext

Berlin 2002, die Stadt als Fluchtpunkt zweier Männer. Der eine, freier Journalist in Hamburg, hat sich scheiden lassen und geht einem Impuls folgend nach Berlin, zu der Frau, die er liebt. Der andere, einst DDR-Grenzer in Frankfurt an der Oder, jetzt beim Bundesgrenzschutz, verliebt sich in eine junge Frau aus der Ukraine und verhilft ihr und ihrem Bruder illegal nach Berlin. Reinhard Jirgl beschreibt die Stadt als Moloch, der die kleinen Menschen und ihre Nöte durch die Mangel dreht und kuriert - ein Großstadtroman in bester Tradition.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.12.2005

Als ziemlich sperriges Ding, aber doch höchst interessant und in Passagen großartig, würdigt Cristina Nord diesen neuen Roman Reinhard Jirgls. Kurz beschreibt sie Jirgls Erzählweise, die Verschränkung der Geschichten zweier Protagonisten. Sie werden laut Rezensentin durch eine Art "Hyperlink-Verfahren" so ineinandergefügt, "dass sich ein nicht lineares Lesen anbietet". Hinzukommen essayistische Passagen und immer wieder Rückgriffe auf die DDR- und die Nazi-Vergangenheit. Mit Bewunderung konstatiert Nord auch, dass Jirgl bestimmte Motive älterer Romane hier wieder aufnimmt und weiter entwickelt. Es scheint, dass Jirgl, bei aller Anknüpfung an Techniken der Avantgarde, ganz altmodisch an einem Werk zu arbeiten scheint. In Momenten, so kritisiert die Rezensentin, lässt Jirgl dem Lebensekel der Protagonisten allzuviel Raum. Auch gehe dem Roman ein wenig die Dichte der Vorgänger ab. Aber sie bleibt fasziniert.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 01.12.2005

"Das Glück des Lesens", meint Iris Radisch, bringt Reinhard Jirgls Roman "Abtrünnig" seinen Lesern zurück. Dabei ist Jirgls Blick auf die Welt von rabenschwarzem Pessimismus, von äußerster Grimmigkeit - zwei Männer in Berlin, der eine ist ein Hamburger Journalist, der als Mörder und Schriftsteller enden wird, der andere fristet sein Dasein in der Existenz eines Taxifahrers aus Frankfurt an der Oder. Auswege gibt es für sie beide nicht. Das klingt düster, aber es gebe, so wendet Radisch trotzig ein, Hoffnung, eindeutig, bei Jirgl, trotz allem Geschichtspessimismus. Thema des Romans ist die Liebe, oder genauer: das Scheitern derselben an der "Enge und Mutlosigkeit unseres Lebens". Jirgl stürmt gegen die Konventionen an, auch gegen die orthografischen (so verwandelt er das Duden-übliche "Honorar" kurzerhand in ein "Hohn-oh-rar"), und er geht als Sieger aus dem Treffen hervor: "Großartig", mit diesem Urteil eröffnet Radisch ihre Kritik, und alles Weitere sind dann nur noch Variationen zu dem damit angeschlagenen Thema.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.11.2005

Wie in seinen früheren Romanen treiben Reinhard Jirgl auch in diesem Roman die großen sozialen Verwerfungen, beschreibt Beatrix Langner das poetische Programm des Autors: "Totalitarismus, Heimatverlust, Generationenbrüche und familiengeschichtliche Zerrüttungen. In "Abtrünnig" ist es der Totalitarismus der Ökonomie - "Macht, Geld, Erfolg" -, an dem seine beiden Helden zerbrechen werden, "erloschene Menschen", nennt Langner sie, die in den sozialen Tod treiben. Abtrünnigkeit bedeute dabei die Überwindung von Unmündigkeit, erklärt Langner, weiß aber selbst nicht zu beurteilen, ob hieraus Ironie spricht oder der Wunsch nach einer "neuen Avantgarde der Elenden und Verzweifelten". Die Rezensentin kann ihre Vorbehalte gegen Jirgls Werk nicht verhehlen. Zum einen hält sie den an Heiner Müller geschulten "Furor teutonicus aus politischer Philosophie und Soziologie, Paragrafenprosa und polternden Thesenanschlägen" für überholt, da das literarische Abseits, von dem aus Jirgl seinen Protest formulieren will, längst in der Mitte der deutschen Feuilletons angekommen sei. Und "ästhetisch reizvoll" kann sie auch nicht finden, was sie als "Grammatik der Frustration" bezeichnet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.10.2005

Gisa Funck wirkt in ihrer eingehenden Besprechung von Reinhard Jirgls jüngstem Roman durchaus beeindruckt, doch hat sie offensichtlich auch ihre Mühe damit. Das Buch dreht sich um zwei Ich-Erzähler, einen erfolglosen Journalisten und einen ehemaligen Grenzbeamten, der sich als Taxifahrer durchschlägt, beide auf ihre Art am "weltumspannenden Kapitalismus" gescheitert, fasst die Rezensentin das Buch zusammen. Es spielt in Berlin zwischen 2000 und 2004 und Funck findet den Handlungsort und die geschilderte Zeitspanne schon mal "gut gewählt". In dieser Zeit der Hauptstadt-Hysterie zerbricht der Journalist an den Härten des niedergehenden Zeitungsmarktes und an den Folgen seiner gescheiterten Ehe und auch der Grenzbeamte wird in der Metropole nicht glücklich, so die Rezensentin weiter, für die der Roman wie eine "Kampfansage" klingt. Was sie allerdings stört, sind die vielen Einschübe, mit denen Jirgl den Fluss seiner Erzählung, in der vor allem der Journalist seiner maßlosen Wut freien Lauf lässt, immer wieder unterbricht und so die Leser "herausreißt. Dabei wäre die "Grundaussage" der "wütenden Predigt" doch auch so verständlich geworden, meint Funck, die zwar die Darstellung der "Entwertung" der Arbeiten des Journalisten etwa als "gut beobachtet" lobt, aber Jirgls Folgerungen "vollkommen überzogen" findet. Nicht einmal vor dem Vergleich der "heutigen Totalökonomie" mit der Vernichtungspolitik der Nazis scheue Jirgl zurück, so die Rezensentin kopfschüttelnd, der der Roman als "wutschnaubende und düstere, packende und verbissene" Streitschrift durchaus imponiert, die ihn gleichwohl als hoffnungslos "überladen" kritisiert.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.10.2005

"'Abtrünnig', schreibt eine um Worte ringende Martina Meister, "ist zur Schrift geronnene Wut". Um Worte ringt auch Jirgl in diesem Roman, oder genauer, wie eine bewegt zitierende Rezensentin darlegt, der Icherzähler des Romans, als dessen Aufzeichnungen der Roman daherkommt. Ein Buch über das Schreiben eines Buches also, aber doch auch eines, das jetzige Realität widerspiegelt und vom Scheitern des Icherzählers im heutigen Berlin handelt, von Arbeitslosigkeit, eingeschleusten Ukrainerinnen und überhaupt: "dasbuntepralleleben". Der Held, so scheint es, arbeitet mit dieser schrägen Prosa seine Verzweiflung ab. Der Satz "Jedesbuch 1Buch=mehr im Meer der Vergeblichkeiten", gehört zu Zitaten, mit denen Meister ihre Darstellung von Jirgls Schreibtechnik und moralischer Einstellung illustriert. Die Rezensentin antwortet denn auch gleich: Was ist, "wenn dieses Buch auch nur einen einzigen Leser erreicht im Meer der Vergeblichkeiten?"

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2005

Für Lothar Müller ist Reinhard Jirgl der "Baal der Gegenwartsliteratur", sprachmächtig, sprachwütig, ein Nachkomme des Expressionismus, ein Nachfahre des frühen Brecht, Döblins, aber auch Heinrich Manns. Das Kennzeichnende für Jirgls Prosa ist die Wut, der Hohn, der Spott, die hochfahrende vernichtende Geste, und so sei der Titel "Abtrünnig" zugleich auch Programm, behauptet Müller. Jirgl wüte gegen seinen alten Staat, die DDR, ebenso wie gegen die BRD; auch wenn sich der Plot des Romans nach einem Ost-West-Roman anhöre, versichert der Rezensent, so gebe es bei Jirgl eigentlich keine Gegensätze zwischen den beiden Systemen, sondern nur verschiedene Ausgaben ein- und desselben "Götzen und Fetisch" namens Staat. Spaß zu lesen hat Müller dieses geballte Wortgeplänkel offensichtlich nicht gemacht, auch wenn ihm Jirgls Sprachkunst Respekt abverlangt. Als problematisch empfindet Müller, dass Jirgl seine Figuren "mit essayistischen Diskursen" umstellt und so regelrechte "Begriffsgewitter" veranstaltet, die unfreiwillig den meinungsbildenden Stil der von Jirgl so gehassten Fernsehsendungen parodieren. Das unterscheidet Jirgl dann doch von einem Brecht oder Döblin, so der Rezensent; die hätten ihre Sprache nicht an politische Manifeste, sondern an die Sprache der Bibel oder des Barock rückgekoppelt.
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