Rainer Rother

Leni Riefenstahl

Die Verführung des Talents
Cover: Leni Riefenstahl
Henschel Verlag, Berlin 2000
ISBN 9783894873608
Gebunden, 240 Seiten, 20,40 EUR

Klappentext

Das Buch behandelt Werk und Karriere der umstrittensten Regisseurin der Filmgeschichte. Die Darstellung begnügt sich erstmals nicht mit der Alternative "Propagandistin oder Genie", sondern zielt auf den geschichtlichen Kontext, in den Riefenstahls Leben und Werk einzuordnen sind. Dabei werden einige der bekanntesten Legenden anhand bisher unberücksichtigter Akten und Dokumente korrigiert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.11.2000

Das Fazit von Veronika Ralls Rezension klingt überraschend: Leni Riefenstahl sei "hip" und die Renaissance der fast hundertjährigen Dame habe noch kein Ende gefunden. Rainer Rothers Buch schwimme möglicherweise auf dieser Welle, aber die Nüchternheit, mit der dieses Projekt in Angriff genommen worden sei, versachliche die Debatte. Die Riefenstahl-Rezeption seit den 70er Jahren hat die Rezensentin zuvor noch einmal kurz resümiert. Im Vergleich zu den vielen "groben Pathologisierungen" fällt ihr auf, wie "überraschend frisch und nüchtern" nun Rothers mit seinem Beharren auf "blanke Faktizität" wirkt. Kritikerin Rall referiert Stationen und Ergebnisse des Buchs, die dem unbeteiligten Leser allerdings nicht durchgängig so epochal erscheinen wie der Rezensentin selbst. Immerhin hat Rother die letzte Riefenstahl-Karriere nicht in der Fotografie, sondern in "der Darstellung und Selbstdarstellung der NS-Regisseurin in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit" gesehen, so Rall. Zwar weigere er sich, "in der Frau ein Opfer zu sehen" doch gelegentlich bescheinige er ihr, zu Unrecht angegriffen worden zu sein. Auch gegen manche Selbstbeschönigung hat Rother nach Kritikerinnenauskunft "einen genauso vehementen wie sachlichen Einspruch erhoben".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.2000

In einer recht theoretisch gehaltenen Kritik verliert Thomas Meder auch ein paar Worte zu folgenden beiden Filmbüchern: Eike Wenzels "Gedächtnisraum Film" über "die Arbeit an der deutschen Geschichte in Filmen" (Metzler Verlag) und Rainer Rothers "Leni Riefenstahl" (Henschel Verlag).
1) Eike Wenzel: "Gedächtnisraum Film".
Zu dem Buch macht Meder an sich nur die Bemerkung, dass es sich um eine medienwissenschaftliche Dissertation handelt, die offensichtlich an Filmen von Alexander Kluge, Harun Farocki und anderen "mit viel Theorieaufwand" den Bruch der deutschen Autorenfilmer mit dem traditionellen deutschen Kino darstellt. Wie genau Wenzel dabei argumentiert, wie sein Buch aufgebaut ist und wie dieses Thema mit der Vergangenheitsbewältigung zusammenhängt, geht aus Meders Kritik nicht hervor.
2) Rainer Rother: "Leni Riefenstahl"
Etwas handfester wird Meder bei der Besprechung des Buchs von Rainer Rother. Er begrüßt Rothers nun wohl endgültigen Nachweis, dass Riefenstahl mit praktisch allen ihren Filmen in der Nazi-Zeit im Auftrag des Regimes gehandelt habe, auch wenn sich die Nazis dabei bedeckt hielten, um diesen Auftragscharakter nicht allzu durchsichtig werden zu lassen. Auch Rothers ästhetischer Bewertung von Riefenstahls Autorentum und Geniebegriff, der auf dem "Mythos des solitären Blicks" beruhe, stimmt Meder weitgehend zu.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.10.2000

In einer komplizierten, aber klugen Doppelrezension behandelt Elisabeth Bronfen die beiden Neuerscheinungen über Leni Riefenstahl. Vorweg weist sie auf die Schwierigkeit hin, sich dieser Regisseurin auf angemessene Art zu nähern: "Leni Riefenstahl stellt ein Problem dar, weil man ihre Filmästhetik zwar moralisch wie ästhetisch ablehnen kann, aber dennoch zugeben muss, dass sie damit auch das visuelle Denken unseres Zeitgeistes nachhaltig geprägt hat."
1) Rainer Rother: "Leni Riefenstahl. Die Verführung des Talents"
Laut Bronfen bietet Rother eine kulturwissenschaftliche Einordnung, stellt die Künstlerin in einen historischen Kontext und erkundet sorgfältig ihre persönliche Handschrift in ihren Filme. Seine Darstellung Riefenstahls als einer "Autorin in Auftrag" findet sie überzeugend. Seine Deutung der Künstlerin als Symbolfigur für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus hält sie allerdings für etwas schwach.
2) Angelika Taschen (Hrsg.): "Leni Riefenstahl. Fünf Leben"
Dieser Bildband setzt nach Bronfen voll und ganz auf die "Macht der Verführung". Charisma der Person, Genauigkeit ihrer filmischen Komposition und Starqualitäten werden in dem Band laut Bronfen gefeiert. Ein Bild allerdings würdigt Bronfen, als eines, das alles über Riefenstahl erklärt. Es ist eine Ausnahme Riefenstahls mit Kamera im Vordergrund, wie sie Hitler und Entourage filmt, die im Hintergrund wie Riefenstahls bloße Objekte erscheinen. Hierzu schreibt Bronfen: "In dieser Fotografie, als sich selbst sich selbst inszenierende Autorin, demontiert Riefenstahl die ideologische Eindeutigkeit mit der gleichen Geste, mit der sie sich auch als deren Gestalterin dokumentiert." Was wir davon halten, ist unsere Sache.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2000

Dies ist die erste analytische Annäherung an Leni Riefenstahls Leben und Werk nach der, wie Rezensent Fritz Göttler es nennt, "großen Renaissance". Auf die vielfach üblichen Vereinfachungen verzichte Rainer Rother, er versuche vielmehr "politisch und ästhetisch" zu argumentieren. Das Problem, so Göttler: es gelingt ihm nicht wirklich, beide Seiten schlüssig zu verbinden. Ohne schlüssige Verbindung fragt der Rezensent dann noch, ob ein Eisensteinsches Montagekino oder ein Renoirsches Kino der Zerstreuung vorzuziehen sei. Die etwas kryptische Antwort: "Das wahre Monster ist jedenfalls die Kamera".
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 05.10.2000

In einer recht umfangreichen Rezension referiert Frieda Grafe über lange Strecken über das sich wandelnde Bild Leni Riefenstahls in bisherigen Publikationen und Selbstdarstellungen. Das vorliegende Buch kann sie - trotz einiger Schwächen - am Ende durchaus empfehlen, nicht zuletzt. Ihr gefällt es, dass Rother in dem Bewusstsein, heute in "leichteren Zeiten" zu leben, sich jeder Überheblichkeit enthält. Allerdings stellt sie auch eine Unsicherheit bei Rother fest, etwa da, wo er offenbar befürchtet, dem Kult um die Filmemacherin Vorschub zu leisten. Wirklich bedauerlich findet sie, dass Rother Riefenstahls jüngstes Eingeständnis ihrer Schuld lediglich in einer Fußnote erwähnt und ihm damit nicht den Stellenwert einräumt, den es ihrer Ansicht nach verdient habe. Dennoch lobt sie das Buch insgesamt, weil es die "Aufmerksamkeit" der Leser zu stärken wisse.
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