Rachel Cusk
Parade
Roman

Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783518431955
Gebunden, 171 Seiten, 25,00 EUR
ISBN 9783518431955
Gebunden, 171 Seiten, 25,00 EUR
Klappentext
Aus dem kanadischen Englisch von Eva Bonné. Plötzlich malt G verkehrt herum. Die eigene Frau zum Beispiel. Dabei macht er sie hässlich. Die Bilder werden ein Riesenerfolg. In Paris wird eine Frau auf offener Straße von einer Unbekannten attackiert. Die Angreiferin, bevor sie flieht, dreht sich um, ihr Opfer zu betrachten, wie eine Künstlerin, die vor ihrer Leinwand steht. Eine Mutter stirbt, und die Kinder müssen sich mit ihrem Erbe arrangieren: mit den Geschichten, die sie erzählte, den Rollen, die sie ihnen zuwies, mit der Art, wie sie ihnen ihre Liebe vorenthielt. Ist der Tod eine Art Freiheit?
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.01.2025
Für den Rezensenten Kai Sina bleibt Rachel Cusk mit ihrem neuen Roman hinter ihren Möglichkeiten zurück. Zu starr und auch ein wenig überholt ist der ästhetische Rahmen und die Sprache im Nominalstil, findet er. Allerdings erkennt Sina auch, gegen welch einmal erreichtes hohe Niveau der neue Text antritt. Und im Vergleich zu anderen Neuerscheinungen bleibt Cusk ambitioniert in ihrem Nachdenken über Ästhetik, Geschlechterrollen, Weiblichkeit und Kunst, Familie und Macht, stellt Sina fest. Der Roman ohne übergreifende Handlung, der in seinen Kapiteln eine Künstlerfigur zu variieren scheint, ist für Sina anspielungsreich und auf jeden Fall ambitioniert.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 24.10.2024
Im englischsprachigen Raum hat das neue Buch von Rachel Cusk weniger gute Kritiken bekommen, berichtet Rezensent Ulrich Rüdenauer, was wahrscheinlich daran liegt, dass sie hier noch abstrakter schreibt als sonst und noch weniger Rücksicht auf die Befindlichkeiten und Bedürfnisse ihrer Leserinnen und Leser nimmt, meint er. Ihm gefällt es aber gut, dieses "Projekt der Reduktion und Irritation", das sechs Künstlerinnen und Künstler in den Blick nimmt, die alle nur mit dem Buchstaben G bezeichnet werden. Anhand deren Werk werden die Zusammenhänge von Kunst, Mutterschaft und Gewalt verhandelt, so Rüdenauer. Sie erinnern ihn an Paula Modersohn-Becker oder Georg Baselitz und nehmen existenzielle Dimensionen ein, die ihn in ihrem "brillant spröden Stil" sehr zu überzeugen wissen.
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.10.2024
An den "Nouveau Roman" fühlt sich Rezensentin Iris Radisch bei der Lektüre von Rachel Cusks neuem Werk erinnert. Es sei das "schwierigste" und "verrückteste" Buch, das die britische Autorin je geschrieben habe: Eine lineare Handlung gibt es nicht, weder eine eindeutige Erzählperspektive, noch wiederkehrende Figuren, so Radisch, stattdessen lose Prosastücke, "frei schwebende" Stimmen, "magische Sprechchöre", die die Autorin zum Gespräch getroffen hat. Das macht Cusks Buch nicht zur leichten Lektüre, gibt die Rezensentin zu, allerdings geht es hier auch mehr ums Spüren als ums Verstehen. Denn Cusks Sprachexperiment, das sie, wie üblich, mit vollem Einsatz geschaffen hat, lässt Radisch mit einem Gefühl der Überwältigung zurück, als wäre sie "Teil von gewaltigen Ereignissen" gewesen. Auf bekannte Themen stößt sie hier auch: Wie kann Kunst zur Wahrheitsfindung beitragen, fragt die Autorin beispielsweise, und wie findet man trotz gesellschaftlicher Maskerade zum eigenen Ich? Und natürlich lote Cusk wieder das Thema "Weiblichkeit" in vielen interessanten Facetten aus. Radisch empfiehlt jedenfalls dringend, sich auf dieses Lektüreabenteuer einzulassen.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 26.07.2024
Rezensent Nico Bleutge fühlt sich von Rachel Cusk herausgefordert, über große Fragen der Kunst und der Gegenwart nachzudenken - mit Gewinn. Was Cusk über die Bilder eines Malers in "Parade" sagt, trifft auch auf ihre eigenen Romane zu, so Bleutge: Sie "werden größer und abstrakter". Wobei die Entwicklung hin zur Abstraktion im Roman zugleich auch reflektiert und diskutiert wird, wie überhaupt, im Allgemeinen, das Verhältnis von Imagination zu Realität, von Wahrnehmung und Bedeutung, aber auch von Körper und Gewalt, männlich und weiblich codierter Wahrnehmung, usw. Cusk verhandelt solche elementaren Fragen in einem Text, der vielleicht nur noch in dem Sinne "Roman" ist, als dass er bewusst die Grenzen dieser Form sprengt, ihre Regeln ad absurdum führt und damit als eine Art Negativ oder Spiegelung des Romans die Form und unser Verständnis vom Erzählen reflektiert. Es gibt keine stringente Handlung, geschweige denn einen Spannungsbogen, keine einheitliche Erzählperspektive, keine individuellen Figuren, die Sprache ist "umständlich" und "spröde", abstrakt, schreibt Bleutge, die Sätze überladen. Aber das alles passiert der Autorin natürlich nicht einfach, sondern ist wesentlich für ihre Poetologie. Eine anspruchsvolle Poetologie, der zu folgen sich lohnt, so Bleutge.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.07.2024
Eine stringente Handlung sucht man in diesem Roman von Rachel Cusk vergeblich, so Rezensentin Judith von Sternburg, lediglich lassen sich Themenfelder eingrenzen: Es geht um Beziehungen, aber vor allem um Künstler und Künstlerinnen, die Cusk allesamt mit dem Buchstaben G bezeichnet. Manchmal erkennt man bekannte Größen, zum Beispiel Georg Baselitz, so die Kritikerin. Sternburg vermutet außerdem, das G könnte für Genie stehen, deren Fluch es ja oft ist, unverstanden zu sein, was die verschiedenen Figuren des Romans mit ihrem künstlerischen Schaffen gut widerspiegeln. Die Verbindungen von Kunst und Kunstschaffenden werden ebenso ausgelotet wie verschiedene Dimensionen von Gewalt und patriarchaler Herrschaft. Ein faszinierender Text, der von der "ökonomischen" und "extrem verdichteten Sprache" Cusks nur profitiert, wie die Kritikerin schließt.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.07.2024
Rezensentin Johanna Adorján bleibt frustriert zurück nach Lektüre von Rachel Cusks Roman - der keiner ist, sondern radikal an seiner Abschaffung arbeitet, wie sie betont: Figuren gebe es bei Cusk ja schon lange nicht mehr, auch hier tauchen nur unter dem Buchstaben G diverse Künstler und Künstlerinnen auf; eine Handlung gebe es "natürlich nicht", nur sehr lose Themenfelder wie Kunst, Gewalt oder Frau-Sein, und zuweilen ende Cusks "gelangweilte", beschreibend-wiedergebende Sprache - die Adorján in Vorgängerwerken immerhin spannend fand - in Wortspiralen, unter denen sich die Rezensentin schlicht nichts vorstellen kann. Dass das Deutsche einfach nicht zur gleichen Verdichtung geeignet sei wie das Englische, helfe da nicht. Als radikales "intellektuelles Experiment" kann die Kritikerin diesen Anti-Roman zwar würdigen, aber Spaß gemacht hat ihr die Lektüre nicht.
Rezensionsnotiz zu Die Welt, 06.07.2024
Ein "radikales", ja "verstörendes" Buch hat Rachel Cusk geschrieben, findet Rezensent Richard Kämmerlings. Die Kriterien des klassischen Romans fehlen bei Cusk völlig: weder gibt es identifizierbare Hauptfiguren noch eine stringente Handlung, die Erzählinstanz ist ein abstraktes "Wir". Kämmerlings liest das Buch als Reflektion über weibliches künstlerisches Schaffen - wie eine Frau Kunst machen kann, ohne "auf die männlich dominierte Tradition" bezogen zu werden, sei die zentrale Problematik des Buches. Episodisch verarbeitet Cusk unter anderem die Biografien berühmter Künstlerinnen - deren Individualität löse sich jedoch im "Typischen, ja beinahe Abstrakten" auf - viele tragen als Namen schlicht den Buchstaben G., obwohl der Kritiker an den Beschreibungen einzelne Künstlerinnen erkennen kann. Das Erzähler-Wir "spiegelt" sich in diesen Lebensgeschichten und verhandelt dabei verschiedene Fragen, so der Kritiker, unter anderem das Verhältnis von Mutter- und Autorschaft. Ein Thema, das sich konsequent durch den Roman zieht, ist der Tod der Eltern, erklärt Kämmerlings, das in Variationen immer wieder auftaucht.
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