Charakter und Bedingung moderner Lohnarbeit wandeln sich radikal. Nach der Analyse von Boltanski und Chiapello zum "Neuen Geist des Kapitalismus" liefert Pierre-Michel Menger in seinem soziologischen Essay nun eine kurze theoretische Interpretation dieses Wandels. Im 19. Jahrhundert galt der Künstler als revolutionärer Gegenentwurf zum Unternehmer und seinen bürgerlichen Moralvorstellungen. Mit den Wandlungen des Industriekapitalismus, mit der Abkehr von seinen bürokratischen Organisationsvorstellungen orientieren sich moderne Managementphilosophien an Idealen wie Flexibilität und Kreativität, Innovation und Individualität, an Autonomie und an persönlichem Engagement. Damit entstehen ungeahnte Berührungspunkte zwischen zwei nur scheinbar gegensätzlichen Welten, denen der französische Soziologe Pierre-Michel Menger in seinem Essay nachspürt. Der Künstler wird, so Menger, zum Prototyp und Idealbild des zeitgemäßen, flexiblen und kreativen Arbeitnehmers. Galt Kunst als exotisch anmutendes Gegenmodell zur abhängigen, fremdbestimmten und entfremdenden Erwerbsarbeit, als Reich der Freiheit im Gegensatz zum Reich der Notwendigkeiten des Alltagsmenschen, so entwickelt sie sich vor unseren Augen zum Modell der mobilen und autonomen Ich-AG, zum Ideal eines lebenslangen Lernens und projektbezogenen Arbeitens.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 16.06.2006
Mit Selbstausbeutung und ihrer großökonomischen Vereinnahmung kennt der Rezensent sich aus. Michael Schmitt referiert die Problematik von Kunst und Brot, um den Autor Pierre-Michel Menger schließlich für seinen Mut zu loben, das Thema einmal von der "prekären" Seite anzugehen, wo der Kunst- und Kulturschaffende sich und seine Lebensweise im Zuge neuer Unternehmensstrategien zunehmend als "zweckentfremdet" erlebt. Schmitt kennt die frühere Arbeit des Soziologen Menger zu den Arbeitnehmerkarrieren von Schauspielern und freut sich über eine "pointierte" theoretische Zusammenfassung in dem nun vorliegenden Essay. Dass der Autor bei der Engführung von Kunstexistenzen und Arbeitsstrukturen nicht pauschalisierend den Zeigefinger hebt und Ungerechtigkeit vermutet, sondern differenziert vorgeht und Vor- und Nachteile herausarbeitet, gefällt Schmitt besonders an diesem Band.
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