Pierre Merot

Säugetiere

Roman
Cover: Säugetiere
Carl Hanser Verlag, München 2004
ISBN 9783446204638
Gebunden, 190 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Gaby Wurster. Eine bitterböse Gesellschaftssatire aus der Sicht eines typischen "schwarzen Schafs" der Familie: Ein vierzigjähriger Single frönt ungehemmt seiner Lust an Alkohol, Zigaretten und Sex und wettert gegen seine angepassten Zeitgenossen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.08.2004

Der Erzähler ein Versager, Säufer und Zyniker, dazu depressiv - das kennt man ja, und Christoph Schröder zufolge hat auch Pierre Merot diesem Typus nichts hinzuzufügen, doch gerade der Verzicht auf eine große Vision oder Anklage war dem Rezensenten dann doch ganz sympathisch. "Onkel", so nennt sich der Erzähler, ist also einer dieser literarischen Taugenichtse, die den bürgerlichen Rest der Gesellschaft - die scheinbar Erfolgreichen und Ehrbaren - mit am Alkohol geschulten Kulturpessimismus als stumpfe Masse entlarven: "die Menschheit als eine durch und durch unappetitliche Horde von saufenden, schwitzenden, bumsenden, schlecht riechenden, größtenteils saudummen Tieren." Dazu braucht es auch keine stringente Handlung - Schröder beschreibt den Roman als "lose Aneinanderreihung von Erinnerungen und Reflexionen, Thesen und Aphorismen". Fazit: nicht gerade "substanziell", aber zumindest "amüsant" und "nicht uncharmant".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.06.2004

Der Rezensentin Jutta Person geht dieser Roman von Pierre Mérot gewaltig auf die Nerven. Der Protagonist ist mal wieder ein moderner Zyniker - allerdings einer, der in seinen Hasstiraden auf die (Frauen)-Welt wenig zu sagen hat. Die Rezensentin jedenfalls kann in dem skizzierten Szenario kaum Neues entdecken. Dafür hat sie aber das Gefühl, dass hier jemand auf den "Elementarteilchen"-Boom der letzten Jahre aufspringt. Die Stoßrichtung ist zwar ein wenig anders: Während sich Houellebecq auf die "sexuelle Libertinage" eingeschossen hat, arbeitet sich Mérot an den "Restbeständen scheinbar intakter Bürgerfamilien" ab, und während man Houellebecq als "Genetiker einer zerfallenden Gesellschaft" verstehen kann, ist Mérot eher von der "Verhaltensbiologie als literarischem Muster" inspiriert. Doch oft genug erweist sich Mérots Protagonist als eine "Platitudenschleuder", findet die Rezensentin und ist ziemlich genervt von seiner "zoologischen Brille des Zynikers". Der Protagonist ist ihr einfach zu eindimensional, um ihn einen ganzen Roman lang zu ertragen: "Je wütender die Berechenbarkeit des menschlichen Gefühlszoos verbellt wird, desto deutlicher gibt er sich selbst als eingeschnapptes Schoßtier zu erkennen".
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.04.2004

Recht angetan zeigt sich der Rezensent Frank Schäfer von Pierre Merots Geschichte um das"schwarze Schaf" einer Familie - wie sooft der Onkel. Dieser erzähle sich und dem Leser "seine ganze kummervolle Vita", ausgehend von einer "vermeintlich normalen, intakten" Familie, in deren Zentrum sich die Mutter als "hegendes, umsorgendes Muttertier" gebärdet. Aus diesem Bannkreis muss der Onkel aubrechen, so der Rezensent, nicht ohne die Familie weiterhin für seine "Deformation" verantwortlich zu machen. Dies kommt dem Rezensenten einigermaßen "süffisant", doch dabei ziemlich unterhaltsam vor. Denn in allen Lebensstationen, die der Onkel durchlaufe - Wehrdienstler, Werbetexter, Verlagsangestellter, Lateinlehrer oder Säufer - reiche sein durch die Zerrüttung geschärfter Blick hinter die Kulissen des Absurden und Normalen, und "seziere" sein eigenes "Soziotop" mit ätzender Schärfe und "eloquenten" Beschimpfungen. Alkohol, so der Rezensent, spielt bei dieser wortgewaltigen und einigermaßen heummungslosen "Suada" keine geringe Rolle, was leider auch die entscheidende Schwäche des Romans ausmacht. Denn allzu gerne verweile der Roman in einer zu sehr "satirisch aufgekratzten" Haltung, und verliere dann - mit der "Ernstebene" - auch die Überzeugungskraft, die er anderswo, im Spannungsverhältnis von Sarkasmus und Melancholie, gewonnen habe. Da, wo sich die "Tragik" und die "Gebrochenheit" des Onkels zeigen, wird Merots "delirante Rede" für den Rezensenten zum "feinen", bewegenden Kontrastprogramm.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.03.2004

Einem "großartigen Lästerer" lauschte Barbara Villiger Heilig in Pierre Merots Roman. Der Protagonist, er werde "Onkel" genannt und spreche den Leser direkt mit "Sie" an, sei eine "verkrachte Intellektuellenexistenz". In "schnapsklaren Spottgeschwafel" nimmt der Autor alles aufs Korn, was ihm irgend vor die Flinte kommt, erzählt die Rezensentin amüsiert - angefangen beim Säugetier Mensch, das im Rauchen und Trinken nur "diversifizierte" Modi des Saugens betreibt, übers Verlagswesen, in dem "stumpfsinnig hartnäckige" Autoren ihr Unwesen treiben, bis zu Schulen, in denen die Schüler vor lauter Schlägereien Analphabeten bleiben. Dabei wird der Zynismus dieses "unsittlichen Sittengemäldes" durch Merots "spielerischen Tonfall" gedämpft, lobt Villiger Heilig, und komme zudem ohne den moralischen Impetus eines, sonst durchaus seelenverwandten, Michel Houellebecq aus.
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