Yasmina Reza

Adam Haberberg

Roman
Cover: Adam Haberberg
Carl Hanser Verlag, München 2005
ISBN 9783446205758
Gebunden, 152 Seiten, 15,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henekl. Adam Haberberg steckt in einer tiefen Krise: Fiasko im Beruf, nichts los in der Ehe, die Kinder tanzen ihm auf der Nase herum, und obendrein hat er noch eine Sehstörung auf dem linken Auge. Da trifft er seine ehemalige Klassenkameradin Marie-Therese, die sich ihr Leben perfekt eingerichtet hat und ihn eigentlich nicht im geringsten interessiert. Und doch nimmt er ihre Einladung zum gemeinsamen Abendessen an. Eine Begegnung zweier Menschen, die gegensätzlicher nicht sein könnten - ein witziges Stück geistreicher Lebensphilosophie.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.07.2005

Yasmina Reza sei eine erfolgreiche Theaterautorin und ihr Protagonist Adam Haberberg ein im gleichen Maße erfolgloser Schriftsteller, skizziert Rezensent Steffen Richter die Grundkonstellation. Die Autorin habe einen Roman über den (männlichen) Mitteleuropäer Ende vierzig geschrieben, der mit Leben und Lieben im Grunde abgeschlossen hat, aber als Schriftsteller immerhin noch zu sagen vermag, was er leidet. Von den misanthropischen 'Helden' eines Houellebecq oder Merot unterscheide sich Adam Haberberg jedoch dadurch, so der Rezensent, dass dieser bei seinem Klagelied nicht mehr über den "Tellerrand des eigenen Ichs" blickt. Das mache Yasmina Rezas "Vision" noch gnadenloser und "düsterer", aber auch langweiliger und lebloser. Denn der Roman vermöge es nicht mehr, diesen ultimativen Nullpunkt anders als durch Mimikry ans Untote auszudrücken. Eine "große Mattigkeit" laste gleichermaßen auf Held und Roman, die "Banalität des Alltags" habe beide "verschlissen", folgert gnadenlos der Rezensent, um zuletzt mit einem Fragezeichen zu enden. Steckt hinter Yasmina Reza Endspiel womöglich doch eine "Hoffnung", die "im Verborgenen lauert"?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.05.2005

Gut gefallen hat Hannelore Schlaffer der Roman der sonst als Theaterautorin bekannten Yazmina Reza, deren Erfolgsprinzip sie in dem Versuch begründet sieht, "die Wahrheit ohne Absicht zu sagen". Das schafft in Schlaffers Augen ein ganz eigenes poetisches Verfahren, dem Reza auch mit "Adam Haberberg" frönt: der Protagonist dieses Namens hat eine Augenkrankenheit und leidet unter einem verschleierten Blick, der die Dinge anders als gewohnt wahrnehmen lässt. Wie auch Rezas Stücke ist der Roman an der "Grenze zwischen Sein und Schein" angesiedelt, behauptet Schlaffer und beschreibt Rezas unabsichtliche Wahrheitssuche als Gesellschaftsspiel, als Partyspaß, weshalb es letztlich auch nie darum ginge, wirklich die Wahrheit herauszufinden. Das unterscheidet Weisheit von Wahrheit, verkündet die Rezensentin, zu wissen, dass die Wahrheit im Grunde nicht auffindbar sei. In der Beziehung hätten die Leser wie die Autorin Rezas Romanfiguren etwas voraus, meint Schlaffer; diese müssten sich nämlich bei der Wahrheitssuche abrackern. Gut, dass ihnen die Autorin die richtigen Worte dafür in den Mund legen könnte.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.05.2005

"Romänchen" nennt Barbara Villiger Heilig "Adam Haberberg" in ihrer Kritik einmal, und da ist schon klar, wo die Reise hingeht. Yasmina Reza erzählt in ihrem Buch von einem mittelmäßigen Schriftsteller, nicht ganz fünfzig, geplagt von ersten Krankheiten, gesegnet mit einer höchst effizienten Frau und zwei Kindern, die dem an seinen eigenen Ansprüchen Gescheiterten seine Unzulänglichkeit so recht vor Augen zu führen scheinen. Angesiedelt ist die Geschichte in Paris. Dort begegnet Haberberg, "schlaff bis in die seelischen Eingeweide", einer früheren Bekannten, mit der er einen Nachmittag verbringt - ohne Folgen, höchstens bestärkt in seiner Verachtung für Menschen, die in "bescheidener Zufriedenheit dahinleben", lesen wir. Einen Erkenntnisgewinn scheint die Rezensentin daraus nicht schöpfen zu können. Haberberg geht ihr schlicht auf die Nerven: "Sein billiges Sich-Mokieren über die Umwelt" hinterlässt bei ihr einen "ähnlich schalen Nachgeschmack wie jeder Tratsch-Abend unter Gleichgesinnten". 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.03.2005

Nicht gerade Begeisterung hat Yasmina Rezas Roman "Adam Haberberg" bei Rezensent Christoph Bartmann ausgelöst, obwohl er ihn ja "eigentlich perfekt" findet. Aber eben darin besteht seines Erachtens das Problem dieses Romans über Adam Haberberg, einen mittelalten, mäßig erfolgreichen Schriftsteller mit Augenleiden und gestörten Verhältnis zu Frau und Kindern, der die meiste Zeit auf einer Parkbank verbringt, bis ihm eine resolute Schulfreundin begegnet, eine Begegnung, die dann aber auch zu nichts führt. Bartmann sieht in Haberberg einen jener an "Lebensüberdruss, Larmoyanz und erotischen Resthoffnungen laborierenden Charaktere", die Rezas Universum bevölkern. Irgendwo auf halbem Wege zwischen Francoise Sagan und Botho Strauß bewirtschafte Reza mit "großem Geschick" eine Gemütslage, "die, wie es aussieht, derjenigen ihres Publikums entspricht". Wenig habe sie in "Adam Haberberg" an der Rezeptur geändert, der sie ihrem Ruhm verdanke. Ihr Roman setze sich an keiner Stelle den Risiken des Gelingens oder Misslingens aus. "An der Fallhöhe zwischen absoluter Geistambition und nicht bestandenem Alltag holt sich Reza, ähnlich wie ihr Vorbild Thomas Bernhard, ihren Witz", resümiert Bartmann, "aber es ist ein Witz, der harmlos bleibt, ein Witz, der, ganz im Geist des negativen Boulevards, auf Nummer Sicher geht."
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.03.2005

Wie hat Iris Radisch ihn vermisst, diesen "herrlich vertrauten Duft einer kultivierten westeuropäischen Tristesse". Yasmina Reza lässt sie wiederauferstehen, mit dem "bewährten Antihelden" Adam Haberberg, ein Melancholiker des Mittelstands in seinen späten Vierzigern. Haberberg lässt sich von einer ehemaligen Schulkameradin, jetzt Kugelschreiberverkäuferin, zu einem Abend überreden, an dem alle großen Fragen noch einmal auf den Tisch kommen. Der "Kunstgiff" Rezas besteht genau darin, meint Radisch, den Tragödienstoff ins mittelständische Milieu zu übertragen. Daraus entsteht ein "trockener Witz, der nur selten ins Poussierliche verrutscht". Die Gesprächspartnerin des Protagonisten hat mit ihrem Heer an Küchenmaschinen vor dem Kapitalismus kapituliert wie die antiken Helden vor dem Schicksal, was die Rezensentin "lustig und ein wenig abgründig" findet. Reza sei damit ihren deutschen Kollegen, die sich noch im "systemkritischen Berliner Anarcho-Freistil" üben, um "Kulturjahre voraus". Applaus also für dieses "perfekte, lebensechte kleine Dramolett", dem man vielleicht nur vorwerfen könne, sich in der "Kaschmir-Tristesse" allzu wohlig bequem zu machen.
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