Jacques Roubaud

Fünfundfünfzigtausendfünfhundertfünfundfünfzig Bälle.

Roman
Cover: Fünfundfünfzigtausendfünfhundertfünfundfünfzig Bälle.
Carl Hanser Verlag, München 2003
ISBN 9783446203709
Gebunden, 144 Seiten, 14,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Beim Golfen werden viele Bälle verschossen. 55.555 davon muss Laurent eigenhändig einsammeln, um eine alte Schuld bei NO, seinem Jugendfreund, zu begleichen. Dieser hatte Laurents Vater vor der Gestapo gerettet. Was zunächst wie ein harmloser Scherz aussieht, ist ein grausames Spiel. Ein heiter-trauriger Roman, in dem Sportliches und Mathematisches, Historisches und Philosophisches verwoben sind.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.12.2003

Martin Krumbholz weiß mit diesem Roman, in dem der Caddie Laurent Akapo als Gegenleistung für die Warnung seines Vaters vor den Nazis durch seinen Freund Norbert 55 555 Golfbälle einsammeln soll, nichts rechtes anzufangen. Die Idee, eine Geschichte der Resistance aus der Sicht eines Jugendlichen zu erzählen, lobt er zwar als "reizvoll", findet aber, dass sie in dem Buch nicht ganz funktioniert. Was ihn aber viel mehr stört, ist die "allegorische Überfrachtung", mit der der französische Autor und Mathematiker Jacques Roubaud seinen Roman beladen hat. Schließlich kann Krumbholz die ganze "fixe Idee", die Laurent dazu bringt, sich auf die seltsamen Forderungen von Norbert einzulassen, nicht wirklich nachvollziehen. Und wenn am Ende sich die angebliche Rettung des Vaters durch Norbert als Lüge erweist, so "stürzt die angestrengte Konstruktion" der Geschichte vollends in sich zusammen, so der Rezensent unzufrieden.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.11.2003

Die Einzelheiten der Handlung mag Jörg Drews lieber für sich behalten - "unmöglich zu verraten, was es mit den 55.555 Golfbällen auf sich hat" -, doch sein Qualitätsurteil ist eindeutig: ein meisterhafter Roman. Jacques Roubaud gelinge es, in seiner "fast tänzelnden Prosa" wahrhaft "herzzerreißend" von einer Jugendfreundschaft zu erzählen und zugleich durch tiefe Abgründe zu gehen - dem Leser vom "Gift" der Kollaboration probieren zu lassen, das die französische Gesellschaft bis heute nicht abgebaut hat, und zu zeigen, dass Menschen wahrhaftig und unabhängig von psychologischer Prägung "böse" sein können. Böse wie Norbert, oder NO, der seinen besten Freund Laurent lebenslang leiden lässt, der "Ball für Ball" die Existenz des Nächsten zerstört, um sich für einen winzigen Verrat, begangen mit sieben Jahren, zu rächen. "Es ist heillos vielschichtig, was Jacques Roubaud hier karg und ohne je die Stimme zu heben erzählt", schreibt Drews merklich ergriffen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 03.09.2003

Literarische Experimente müssen nicht Selbstzweck sein, meint Steffen Richter, und empfiehlt als Beleg Jacques Roubauds "gleichermaßen einfache wie raffinierte Geschichte von großer Eindringlichkeit". Ihr Held Laurent hat als Elfjähriger ein Versprechen gegeben, das er noch alter Mann zu erfüllen sucht: 55555 ins Aus geschlagene Golfbälle muss er für seinen Kindheitsfreund zusammen bekommen, der damals auf Laurents Bitte hin dessen Vater vor der Gestapo warnte. Eine Sammlung, die viel mehr ist als eine Leidenschaft: ein Leben. Ein verschwendetes Leben? Nein, befindet Richter, denn "erst durch die Selbstverpflichtung" erhalte es seine "Form und Kontur". Genauso sei es mit der Literatur der "Oulipien", einer Schriftstellergruppe, die ihren Texten mathematische Regeln zu Grunde legt, um sie in der freiwilligen Beschränkung ihre Gestalt finden zu lassen. Eine der wenigen überlebenden literarischen Avantgardebewegungen der Nachkriegszeit sei OuLiPo, die "Werkstatt für potentielle Literatur", informiert Richter und macht sich keine Sorgen um ihre Zukunft - nicht bei gelungenen Büchern wie diesem.

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