Unter Mitarbeit von Dominique Schnapper. Aus dem Französischen von Stephan Egger und Eva Kessler. Der Zugang zu den Schätzen der Kunst steht allen offen und bleibt doch tatsächlich den meisten verwehrt. Nach wie vor gilt der Befund, den Pierre Bourdieu und Alain Darbel vor 40 Jahren als Ergebnis der vorliegenden Studie formulierten: "Der Anteil der verschiedenen sozio-professionellen Kategorien im Publikum der Museen (...) steht nahezu in umgekehrtem Verhältnis zu ihrem Anteil in der Gesamtbevölkerung. "Wenn der Kunstliebhaber einer Neigung folgt, die frei von allen Voraussetzungen und Zwängen scheint, dann bleibt das Museum einer der Orte, an denen die Schwerkraft gesellschaftlicher Erwartungen besonders deutlich spürbar wird. Verdankt sich die Liebe zur Kunst nicht mindestens ebenso einem Gebot "gehobener Sitten" wie der Eingebung des Herzens? Längst ein heimlicher Klassiker der Kultursoziologie, versucht dieses Buch, das damals schon "die feinen Unterschiede" ankündigt, auf solche Fragen empirische Antworten zu geben, den "guten Geschmack" einer wissenschaftlichen Überprüfung zu unterziehen. Indem es die gesellschaftlichen Bedingungen der Möglichkeit kultureller Praxis offen legt, beweist es, dass Kultur kein natürliches Privileg ist, sondern eine besondere Erziehung und Bildung als Mittel ihrer Besitzergreifung voraussetzt, die die Klassengesellschaft höchst ungleich verteilt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 15.09.2006
Das Engagement, das in diesem 40 Jahre nach seiner Originalveröffentlichung bei uns erscheinenden Pionierstück einer kritisch-empirischen Kunstsoziologie zu spüren ist, ist auch heute noch sehr willkommen, findet Hendrik Feindt. Obgleich die Ansätze und Lösungsvorschläge zur Demokratisierung institutionalisierter Kunst, die Bourdieu hier anbietet, dem Rezensenten nicht mehr so sensationell oder notwendig erscheinen, hält er die Lektüre für angebracht. Erscheinen die territorialen Schutzmaßnahmen der kulturellen Eliten, die Feindt für die relative Erfolglosigkeit des Buches mitverantwortlich macht, inzwischen auch obsolet - ob die Mittel der Kunstrezeption heute gesellschaftlich so gleichmäßig verteilt sind, wie Bourdieu es sich hier wünscht, dies bezweifelt der Rezensent nach wie vor stark.
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