Philippe Claudel

Die grauen Seelen

Roman
Cover: Die grauen Seelen
Rowohlt Verlag, Reinbek 2004
ISBN 9783498009304
Gebunden, 256 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Christiane Seiler. Ein kleiner Ort im Osten Frankreichs, Dezember 1917: Jeder hat seinen Platz: der Staatsanwalt, der Polizist, der Gastwirt. Und alles geht seinen gewohnten Gang - ungeachtet des tausendfachen Sterbens an der nahen Front. Doch dann erschüttert ein einziger Tod das beschauliche Leben im Dorf. Die zehnjährige Tochter des Gastwirts, genannt Belle du jour, treibt erdrosselt in einem Kanal. Ein Mann versucht, Licht ins Dunkel zu bringen. Doch erst viele Jahre später gelingt es ihm, die Geschichte zu erzählen, zusammen mit allen anderen Geschichten, die untrennbar mit ihr verbunden sind: die des einsamen Staatsanwalts, der seine Tage allein auf einem Schloß verlebt; die der wunderschönen Lehrerin Lysia Verhareine, die alle mit ihrem Lächeln bezaubert und sich ihrem Geliebten zum Opfer bringt; die des bretonischen Deserteurs, den der Staatsanwalt foltern lässt; und nicht zuletzt seine eigene, die auch nicht frei von Schuld ist.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.03.2005

In Frankreich hat Philippe Claudels Erzählung vom Leben in einem kleinen Dörfchen nahe Verdun zur Zeit des Ersten Weltkriegs "beachtliche Anerkennung" gefunden, schreibt Thomas David. Ob er das für gerechtfertigt hält, tritt nicht ganz klar zutage. Zumindest schreibt er bewundernd über die "Bilder von verführerischer Schönheit", mit denen Claudel das Leben am Rande der Schlacht beschreibt. Die Bewohner versuchen einen Alltag aufrechtzuerhalten, bis die Sinnlosigkeit des Krieges durch einen Mord an einem Kind auch bei ihnen Einzug hält. Dieser Tod bleibt so "unergründlich und faszinierend" wie das Massaker des Weltkriegs, notiert Thomas David. Mehr hat ihm das Buch anscheinend nicht gesagt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.11.2004

Einen "begnadeten Stimmungsmaler" sieht Rezensent Steffen Richter in Philippe Claudel, der wegen seiner Fähigkeit, kriminalistische Spannung zu schüren und soziale Milieus zu durchforsten mit Georges Simenon verglichen wurde. Dem Sog des Tonfalls, den Claudel in seinem Roman "Die grauen Seelen" anschlägt, befindet Richter, könne man sich kaum entziehen. Es geht um die Aufklärung des Mordes an einem zehnjährigen Mädchen in einem namenlosen Städtchen in der nordostfranzösischen Provinz, der zwanzig Jahren zuvor, im Jahr 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, verübt wurde. Claudels Roman schnurre "wie ein Uhrwerk", findet Richter. Liebe und Verzweiflung, Spannung, Melancholie und die Allgegenwart des Todes sind seines Erachtens "filigran aufeinander abgestimmt", auch wenn die Erzählweise "äußerst konventionell" ausfalle. Dazu gebe es zahlreiche "wohlbedachte melodramatische Effekte" sowie Sentenzen in "salbungsvollem Ton". Das ist für Richters Geschmack manchmal zu viel des Guten. "So bewundernswert feingliedrig Claudels Prosa sein mag", schreibt er, "mitunter leidet sie an ihrem Willen zur klischeehaften Gefühligkeit."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.11.2004

Ein wenig unentschieden wirkt Rezensent Ulrich Baron in seinem Urteil über diesen Roman von Philippe Claudel, wobei er das hier eröffnete Seelendrama "mit großem Können bewusst zeitenthoben inszeniert" findet. In der 1917 in einer kleinen französischen Stadt angesiedelten Geschichte wird viel gestorben, nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch innerhalb der Stadttore. Im Zentrum der Erzählung steht die Ermordung eines zehnjährigen Mädchens, "Belle de Jour" genannt, für deren Tod ein Unschuldiger dran glauben muss. Abgründe tun sich also auf, vor allem in grau-schwarzen Seelen der örtlichen Honoratioren. Baron zeigt sich fasziniert von der Düsternis des mit dem Prix Renaudot ausgezeichneten Romans, aber auch irritiert, denn letztlich kann er sich nicht erklären, worin diese gründet.
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