Peter Handke

Gestern unterwegs

Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990
Cover: Gestern unterwegs
Jung und Jung Verlag, Wien - Salzburg 2005
ISBN 9783902144997
Gebunden, 553 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Mit diesem Buch schließt Peter Handke die Reihe seiner großen Notizbücher ab. Es enthält die Notizen, die Handke sich gemacht hat, "ohne festen Wohnsitz, in der hier memorierten und evozierten Zeit, vom November 1987 bis zum Wieder-Seßhaftwerden im Juli 1990". Er selber nennt es "die letzte Phase meines Mit-Schreibens mit den täglichen und nächtlichen Geschehnissen". Es war ein Reisen, das ganz sich selbst überlassen war, ein Unterwegssein, dessen Ziel immer weit vor dem Reisenden lag und doch in jedem Augenblick erreichbar war. Es führte durch Jugoslawien, nach Griechenland, nach Ägypten, quer durch Europa, nach Japan und immer wieder in den slowenischen Karst.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.02.2007

Noch mehr als die Texte selbst hat Christoph Schmaus das Hörerlebnis von Peter Handkes Aufzeichnungen daran erinnert, dass es manchmal nicht um Handlung geht, sondern um den Augenblick, gefasst in diesem Fall als Miniatur, Aphorismus, Skizze. Mit anderen Worten: Es geht um Poesie. Für Schmaus liegt sie in Handkes "rührender" Stimme, im langsamen Gang des Dichters und dem detaillierten Blick nach innen und außen. Dankbar nutzt Schmaus die dem Leser großzügig gewährte Zeit, die Worte wirken zu lassen. Das religiöse Moment daran stört ihn nicht, führen ihn die Beschreibungen doch immer wieder auch zu Profanem.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.01.2006

Martin Meyers Besprechung zollt stilles Lob für Handkes hohe "Kunst des Sehens und Bedenkens". Allerdings sei "Gestern unterwegs" ein Buch für "langsame" und "geduldige" Leser, die sich auf Handkes Wahrnehmungsprinzip des "Zeit-Habens" mit entsprechender Gelassenheit einlassen können, mahnt der Rezensent. Das Buch enthalte tagebuchartige Reiseaufzeichnungen vom November 1987 bis zum Juli 1990, die der Autor zunächst in Slowenien, dann in Griechenland, Agypten, Frankreich, Spanien, Schottland und wieder am Mittelmeer anfertigte. Handkes häufig apercuhaften Aufzeichnungen enthielten zudem "Moralisches" und "Autobiografisches". Moralisch im "Stil von Maximen und Reflexionen" und auch als gelegentliche Selbstermahnung und "Gewissensforschung" des Autors. Um dem Vorwurf der Naivität vorherzukommen, verweist der Rezensent auf "Zeilen der präzisesten Reflexion" über Sterblichkeit, Liebe, Glück, über Wut und Zorn. "Nicht naiv, doch entrückt; nicht einfältig, aber entspannt" ist aus Sicht des Rezensenten eine solche Haltung, und sie sei "sogar grundiert von einem Humor, der die Hinfälligkeiten des Lebens mit Fassung erträgt".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.08.2005

Dieses Buch "beschert Glück", schließt Ulrich Greiner seine lange, mit vielen Zitaten gespickte Besprechung des Reisetagebuchs von Peter Handke. Allein die Stationen aufzuzählen, die Handke - fast immer zu Fuß - erwanderte, füllen drei Absätze. Es ist keine leichte Lektüre, so viel steht fest, aber der Leser wird für seine Mühe belohnt, verspricht Greiner: mit "wunderbaren Naturbeschreibungen" und anregenden Gedanken. Für Greiner ist Handke ein Pilger - mit Hölderlin, Novalis, Inoue, Wittgenstein, Epiktet, Tschechow, Skacel und der Bibel im Gepäck. Das Gehen schärft seine Wahrnehmung, erklärt der Rezensent, der die Erde beschrieben fand, als wäre sie ihm neu. Handkes "Ausdrucksmacht" ist für Greiner das Ergebnis eines formenden Verstandes. "Der Effekt, der sich auf die Leser überträgt, ist wahrhaft zauberisch: Nach und nach verlangsamt man sich, gewinnt Gehör für die Stille, die Handke immer wieder fordert und findet schließlich ein Auge für das scheinbar Unscheinbare und Schöne", erklärt der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.08.2005

Immer wieder zur Hand nehmen möchte Rezensent Christoph Bartmann diese Reise-Aufzeichnungen Peter Handkes, "um mit ihnen die Wirklichkeit vielfältiger, unterschiedener und deutlicher zu sehen als sonst". Die auf einer fast drei Jahre dauernden Wanderschaft entstandenen Aufzeichnungen dokumentieren für Bartmann einen Zustand, der die "Freiheit des Schweifens" mit einem "Exerzitium der Aufmerksamkeit" verbindet. Wie in anderen Handke-Journalen herrsche auch hier eine Informationsregie, die manches überscharf beleuchte, anderes gewollt im Dunklen lasse. "Die Poetisierung des Alltags kann nur dann gelingen", erklärt Bartmann, "wenn die nicht poesie-, das heißt verwandlungsfähigen Themen und Gegenstände ausgeschieden werden". So bleiben Politik, Nachrichtenstoff, Meldungen aus zweiter Hand ebenso ausgespart wie die Themenwelt der Gegenwartsliteratur oder auch die Person Handke. Als leitende Idee hinter Handkes Aufzeichnungen sieht Bartmann eine "Freudenlehre", eine "Weltvertrauensübung". Bartmann verweist darauf, dass Handkes "Gestern unterwegs" ein Buch der Ansätze und Anfangssätze sei, nicht der erzählerischen Durchführung. Was er nicht als Mangel verstanden wissen will. Schließlich enthalte "Gestern unterwegs" die "ganze Kunst des Schriftstellers Peter Handke".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.08.2005

Ina Hartwig ist schon ein wenig erstaunt über den Peter Handke, der aus den Seiten dieser Aufzeichnungen aus den Jahren 1987 bis 1990 spricht. Verblüffend schon die Produktivität, denn neben diesen Texten entstanden in der Zeit wie nebenbei ein Roman, ein Theaterstück, Essays und eine Übersetzung. Und zwar unterwegs, immerzu unterwegs. Handke hatte in dem Zeitraum der Aufzeichnungen keinen "festen Wohnsitz", reiste durch die Welt, kaum mit dem Flugzeug, vor allem zu Fuß. Auf der Suche, könnte man sagen, nach sich selbst, aber auch nach Gott. Davon ist, das erstaunt Hartwig eben am meisten, recht oft ganz explizit zu lesen. Auch einer Art Zölibat hat sich Handke verschrieben, das allerdings mit Sexualität nichts zu tun hat. Was er sich strikt verbietet, ist vielmehr die "Zerstreuung", weil sie die Versenkung ins Ich und die Welt verhindert. Es ist zwar klar, dass Hartwig ein paar Einwände gegen das Welt- und Selbstbild hat, das aus diesen Aufzeichnungen spricht. Noch klarer aber ist, dass sie fasziniert ist, sehr sogar. Man liest dieses Buch, staunt sie, "wie in Trance".