Pawel Huelle

Mercedes Benz

Aus den Briefen an Hrabal. Roman
Cover: Mercedes Benz
C. H. Beck Verlag, München 2003
ISBN 9783406502699
Gebunden, 160 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Im Mittelpunkt des neuen Romans von Pawel Huelle, einem der besten polnischen Erzähler der Gegenwart, steht die Familiengeschichte des Autors. Der Erzähler, inspiriert von mehreren Schwarzweißfotos seines Großvaters, auf denen ein Mercedes Benz 170, sein ganzer Stolz, zu sehen ist, und angerührt von der Nachricht vom Tod Bohumil Hrabals, erinnert sich an seine junge, schöne Fahrlehrerin Fräulein Ciwle. Verlegen und aufgeregt zugleich hat er, der deutlich Ältere, während der Fahrstunden eine Geschichte an die andere gereiht. Da ist die Geschichte vom Unfall der Großmutter, die, noch in einem Citroen, während ihrer Fahrstunden 1925 auf einem Bahngleis steckenbleibt, als gerade der Eilzug aus Lemberg heranrauscht. Dann ist da die Geschichte von den Ballonfuchsjagden in Südpolen, bei denen der Großvater, schon im Mercedes, hinter einem Heißluftballon herfährt, der Bericht von der Beschlagnahme des geliebten Autos durch die Sowjets 1939 und der Deportation des Großvaters nach Auschwitz.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.05.2003

Seit seinem tödlichen Sturz aus dem Fenster eines Prager Krankenhauses 1997 wurde der böhmische Biertrinker und Katzenfreund Bohumil Hrabal zur Legende. Nicht nur für den polnischen Erzähler Pawel Huelle war Hrabal der "modernste, der avantgardistischste Prosaist des 20. Jahrhunderts", berichtet Christoph Bartmann, dem Huelles Roman "Mercedes-Benz", eine Hommage an Hrabal, gut gefallen hat. In Huelles fiktiven Briefen an Hrabal gehe es um Autos und Motorräder, um Fahrstunden für Anfänger und Fortgeschrittene, um die platonische Liebe zu einer Fahrlehrerin, mit der er unerwarteter Weise die Begeisterung für Hrabal teile, und um seine ganze Lebensgeschichte. Bartmann hebt hervor, dass Huelle als Verehrer der Literatur Hrabals "hrabalisiert", so wie manche deutsche Autoren derzeit "sebaldisieren" oder seit langem schon "bernhardisieren". Er tue es geschickt und unaufdringlich, so Bartmann, "aber ohne je den versponnenen, eigenbrödlerischen und unberechenbaren Zauber seines Vorbilds zu erreichen." Und so legt er dem Leser ans Herz, Hrabal selbst lesen.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.04.2003

"Danzig ist ein einziger großer Stau", und Sebastian Handke war sehr gern darin gefangen, lieber sogar als der Fahrschüler und Erzähler aus diesem Roman, der mitten im Verkehrschaos seiner Fahrlehrerin Geschichten erzählt, die alle irgendwie von der Leidenschaft entweder für das titelgebende Automobil oder den tschechischen Dichter Bohumil Hrabal handeln. Aber eigentlich, so Handke, von viel mehr, denn Pawel Huelle erzähle eine panoramische Familiengeschichte von der Blütezeit Polens zwischen den Kriegen bis zur Depression nach der Wende. Und zwar so, wie man das seit dem Debütroman "Weiser Dawidek" von ihm kenne: "gut geölt", "heiter anekdotisch oder balladesk" und unverschämt nostalgisch - "eine Art polnischer magischer Realismus". Der Fahrschul-Fiat, obwohl nur langsam vorwärts ruckelnd, werde zur Zeitmaschine.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.04.2003

Einen "neuen Ton" hat Yaak Karsunke bei Pawel Huelle ausgemacht. Der polnische Autor aus Danzig (Gdansk) schreibe humoristischer als in seinen früheren Erzählungen und Romanen, von denen zwei auf Deutsch vorliegen. Auch "Mercedes-Benz" spielt wieder in Danzig, verrät Karsunke, und es spielt vor historischem Hintergrund, dessen düstere Seiten der Autor nicht unterschlage. Dennoch lese sich "Mercedes-Benz", meint der Rezensent, über lange Strecken wie ein Schelmenroman, nur einmal scheine die politische Geschichte dem Erzähler gänzlich die Sprache verschlagen zu haben. Ansonsten plaudere der Erzähler munter drauf los, um seine Fahrlehrerin zu unterhalten und zu becircen, und da böten sich doch die Familienautos als Aufhänger für die Episoden aus der Familien- wie Landesgeschichte geradezu an. Der Roman, der ein "emphatisch-melancholisches Ende findet", wie Karsunke berichtet, sei im übrigen eine Hommage an den tschechischen Autor Hrabal, dessen humoristische Ader auch bei Huelle in vergleichbarem Maße spürbar vorhanden sei und umgesetzt werde.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.03.2003

Andreas Breitensteins Kritik liest sich ein wenig zwiespältig: Einerseits liest er Pawel Huelle wirklich gern. Man entnimmt es seinen Schilderungen über den "Sturzbach des Erzählens", über die Hommagen an Bohumil Hrabal und das Personal, das Huelles Roman bevölkert. Andererseits aber stört Breitenstein daran auch etwas - vielleicht eine zu große Versiertheit; ein Unernst, angesichts des ernsten Hintergrunds der Familiengeschichte des Erzählers, die immerhin nach Auschwitz führt. "Hier herrscht eine Anekdotenseligkeit, die angesichts der realen Katastrophen" mehr als unangemessen sei, führt Breitenstein aus, der am Ende auch die Hommage an Hrabal nicht nachvollziehen will. Bei Hrabal, so Breitenstein, hat sich die "Zufallslogik des Lebens" widergespiegelt, bei Huelle scheint sie ihm nur arrangiert.
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