"Eben noch habe ich die Geier auffliegen gesehen, / mit anzüglich gestrecktem Hintern, mit glühenden Federn, /glühendem Bart. / Jeder Geier ein Mogul, ein Ahab, ein Kaiphas, /ein Innocenz, ein Verweser, aus dem Irrsinn und Ekel tropft. / Eben noch habe ich Dich, Herzlieb, gespürt, hüte Dich!, / ein Sich-Zeigen, ein Sich-Verbergen, etwas, / was lächelt und was, wenn es nicht lächelt, lächelt. So / schlägt die Gegenwart ihr Wasser ab / in die Vergangenheit und die Vergangenheit vergißt." (Paul Böhmer: Am Meer)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.05.2011
Jan Röhnert scheut sich nicht, in Betrachtung dieses Spätwerks vorsichtig das Genie Paulus Böhmers zu behaupten. Widersacher wie Leben und Tod würden in den drei Langgedichten intimsten Kontakt miteinander aufnehmen, ebenso das Schöne, das Erhabene und schnöde biologische Körperfunktionen - als eine "das Leben preisende Vanitasmalerei" schätzt der Rezensent die Dichtung Böhmers, die ihm "postmodern und barock zugleich" vorkommt. Darüber hinaus sieht Röhnert so etwas wie eine Anthropologie des liebenden Menschen an jenen Stellen darin angelegt, in denen er (zwischen den Zeilen, versteht sich) einen Rekurs auf gewisse sehnsuchtsvolle Texte Goethes, Hofmannsthals, Brechts, Kafkas, Walsers und Eichendorffs ausmacht. Aber auch mit Sprache im Allgemeinen und Dichtung im Besonderen hat diese Liebe zum Leben zu tun, wie der Rezensent meint. Sprache als vornehmlichstes Wesensmerkmal des Menschen werde bei Böhmer zum Mittel der Überwindung seiner Endlichkeit. So gelinge es Böhmers enzyklopädisch angehauchten Wortkaskaden, "ein Übermaß an Welt in Sprachmusik zu verwandeln", schwelgt der Rezensent.
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