Patrick Kokontis

Entgleisungen

Erzählung
Cover: Entgleisungen
Ammann Verlag, Zürich 2001
ISBN 9783250300052
Broschiert, 182 Seiten, 15,29 EUR

Klappentext

»Irgendwo da draußen hat sich wohl in unsäglicher Banalität die Katastrophe ereignet und ein Leben in den Asphalt gedrückt«, denkt Pavlos, als er während einer Zufahrt aus dem Fenster einen Stau auf der Autobahn sieht. Der Tod ist für ihn nichts Ungewöhnliches, besteht sein Leben doch aus nichts anderem als einer Anreihung von Katastrophen, seit ihm während eines Kinobesuches die Augen geöffnet wurden und er sich der Tatsache nicht länger verschließen konnte, dass auch er an der Krankheit unserer Tage erkrankt ist. Pavlos hat AIDS. Und so hat er, von seiner Familie liebevoll erdrückt, von den Ärzten fachmännisch steril als Patientengut versorgt, jeden Tag neu den Kampf um sein Leben zu bestehen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.12.2001

Michael Angele ist alles andere als begeistert von Patrick Kokontis, der als selber Betroffener einen Roman über eine Aids-Erkrankung geschrieben hat - und dass, obwohl das Buch nach Meinung des Rezensenten durchaus gute Elemente hat. Zum Beispiel die Situation, aus der heraus erzählt wird (eine Havarie bei einer Zugfahrt durch die Schweiz lässt dem Protagonisten viel Zeit zum Kiffen und zum assoziativen Nachdenken) gefällt Angele recht gut. Leider wird dieses Bonus aber durch die Geschwätzigkeit, die der Rezensent dem Protagonisten und damit auch seinem Erfinder attestiert, zunichte gemacht. Zudem stört ihn, dass "das Assoziieren so oft in ein altkluges Räsonieren übergehen würde, an dessen Ende sogar manchmal eine lateinische Sentenz steht." So wünscht sich der Rezensent, dass dieses Buch ordentlich lektoriert und von Überflüssigen befreit worden wäre - das hätte dem Leser und dem Autor, der schon bei seinem Vortrag in Klagenfurt schwer in die Kritik geraten war, einiges erspart.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.08.2001

Auffallend findet Sabine Peters wie das "Vorher-Nachher-Schema" sich im Verlauf des Buches auflöst. Es geht um die aidskranke Hauptfigur, welche ihren bisherigen Lebensweg zu rekonstruieren versucht. Dies geschehe aber nicht in "vorgezeichnete Bahnen", sondern die "Entgleisungen" spielen eine Rolle. Der Autor schreibe sich an Verdrängungen heran, umkreise diese, wiederhole gelegentlich und trete auch mal auf der Stelle, um dann wieder zu springen. Die Rezensentin befindet, dass der Held sich an das "furchtbare Gefühl" herantastet, nicht gelebt zu haben. Das Buch sei mit "deutlich autobiografischen Zügen" ausgestattet. Sabine Peters kritisiert die geschraubten Sätze, die hochtönenden Sentenzen und eine Reihe von unpassenden Bildern. Sie wünscht sich ein größere "Distanz des Autors zu seiner Figur". Allerdings findet sie die "abrupten Brüche und Schnitte" gelungen. Sie resümiert, dass man die Notwendigkeit des Buches vielleicht auch gerade wegen seiner Mängel spüre.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.04.2001

Samuel Moser findet die Erzählung, in der ein homosexueller Aids-Kranker eine Zugfahrt nach Zürich unternimmt und sich seinen Gedanken und Erinnerungen hingibt, erst auf den zweiten Blick gelungen. Sprachlich seien die Reflexionen des Protagonisten "entgleist" und es fehle nicht an "unfreiwilliger Komik", hochtrabenden "Abstraktionen" und "furztrockenen" Satzungetümen. Doch beginnt der Rezensent nach und nach einzusehen, dass diese sprachlichen Entgleisungen dem Protagonisten durchaus angemessen sind, und so beginnt ihn die Erzählung "zu packen". Jetzt erkennt Moser in dem stilistischen Misslingen einen "Lebenswillen" und in den überschäumenden Metaphern Kompensation für den hinfälligen Körper. Am überzeugendsten erscheint ihm der Autor dort, wo er "poetisch konkret bleibt" und sich nicht ins Spekulieren verirrt, wobei er als die hervorragendste "Qualität" dieses Autors dessen Fähigkeit zur Selbstironie rühmt. Denn, so der Rezensent dankbar, "wehleidig" ist diese Erzählung nie, sondern in ihr zeigt sich vielmehr "Sinn für Niederlagen".